Sie waren beide kürzlich in der Ukraine — aus unterschiedlichen Gründen. Was zieht Sie ins Kriegsgebiet?
Nahr: Ich bin sehr viel unterwegs, meistens in Krisen- und Kriegsgebieten. Dieses Jahr war ich in Fukushima, in Syrien, im Sudan und in der Ukraine. Dort war ich seit Ausbruch des Krieges über 20-mal.
Schade: Ich war für die Dreharbeiten eines Films zum Krieg in Butscha. Es ist das neuste Kapitel meines Langzeitprojekts «Krieg ohne Krieg». Darin halte ich den Krieg fest, aber nicht jenen an der Front, sondern jenen, der sich in den Alltag der Menschen schleicht. Ich bin also an den Rändern der Konflikte unterwegs.
Können Sie ein Beispiel dafür machen?
Schade: Ich sass bei Palästinensern in Dschenin im Westjordanland, mir wurde Tee serviert. Und da war dieses gigantische Plakat eines Märtyrers an der Wand, neben einem recht gewöhnlichen Landschaftsbild. Der Konflikt war ins Wohnzimmer eingedrungen, war zu einer seltsamen Normalität geworden.
Dominic Nahr, Sie begeben sich für Ihre Arbeit in Gefahr. Warum tun Sie sich das an?
Nahr: Ich finde es wichtig, die Gegenwart festzuhalten, damit wir eine Erinnerung daran haben. Was jetzt gerade passiert, ist sehr schwer zu verstehen. Viele Menschen sind mit ihrem eigenen Leben und ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Erst in der Distanz wird man verstehen, worum es in solchen Kriegen gegangen ist. Wenn es Bücher dazu gibt. Dafür braucht es Bilder. Ich glaube, dass wir das abdecken müssen, irgendwie.
Meinrad Schade, 58, ist freischaffender Fotograf in Zürich. Schade ist im Thurgau aufgewachsen und startete seine Karriere als Pressejournalist. Seit über 20 Jahren verfolgt er sein Lebensprojekt «War without War», das ihn immer wieder in ehemalige und aktuelle Krisen- und Kriegsgebiete führt, unter anderem in die Staaten der ehemaligen Sowjetunion sowie nach Israel und ins Westjordanland. Er hat zwei Bücher zum Projekt verfasst und mehrere Auszeichnungen dafür erhalten. meinradschade.ch
Dominic Nahr, 43, ist Fotograf bei der «Neuen Zürcher Zeitung» und arbeitet hauptsächlich in Kriegs- und Konfliktgebieten wie Syrien, dem Jemen und der Ukraine. Nahr ist im Kanton Appenzell Ausserrhoden geboren und in Hongkong aufgewachsen. Er hat für internationale Medien wie das «Time Magazine», «National Geographic» oder «Le Monde» gearbeitet und für seine Arbeit zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem 2013 den World Press Photo Award, 2025 den «Stern»-Preis sowie den Zürcher Fotopreis. 2025 wurde er ausserdem zum Schweizer Fotograf des Jahres gekürt. Er hat ein eigenes Online-Magazin namens «Unedited». dominicnahr.com
Aber warum Sie?
Nahr: Natürlich gibt es auch andere, die das machen. Darauf verlassen kannst du dich aber nicht. Ich habe immer so ein Schuldgefühl, dass ich nicht genug mache. Wenn ich hier in der Schweiz bin, während in der Ukraine etwas passiert, ist das für mich extrem schmerzhaft.
Sie haben ein schlechtes Gewissen?
Nahr: Das ist eine persönliche Sache. Ich wollte schon als Kind immer dort sein, wo etwas passiert. Jeder leistet seinen Anteil, zusammen dokumentieren wir die Welt. Ich denke, das ist einfach mein Platz als Fotograf.
Schade: Das Gefühl kenne ich. Nachdem ich vom Filmset bei Butscha heimgekehrt war, passierten die Angriffe auf die Stromversorgung, der Winter kam. All die frierenden Menschen, da hatte ich das Gefühl: Scheisse, ich muss zurück. Du involvierst dich, lässt dich auf Geschichten ein, aber dann gehst du wieder.

Dominic Nahr reiste im Oktober 2025 nach Kostjantyniwka in der Ostukraine. Die Stadt wurde damals täglich beschossen. Seine Aufnahme zeigt zerstörte Fahrzeuge und Rauch. Am selben Tag kam in der Umgebung ein französischer Fotograf ums Leben.

Praktisch zeitgleich fotografierte Meinrad Schade auf dem Filmset von «Something Strange Happened to Me» des ukrainischen Regisseurs Dmytro Sukholytkyy-Sobchuk. Die Dreharbeiten fanden in Worsel in der Nähe von Butscha statt. Die wenige Kilometer von Kyjiw gelegene Region wurde zu Beginn des Angriffskriegs von Russland besetzt, konnte jedoch von der Ukraine wieder befreit werden.
Kann oder soll man Tote zeigen?
Nahr: Ich stehe für Bilder, die zeigen, was passiert. Vom Ukraine-Krieg gibt es nicht viele Bilder von verletzten oder toten ukrainischen Soldaten. Die Ukrainer wollen nicht, dass wir sie zeigen, und wenn, dann nur die Zivilisten. Ich versuche es aber. Dafür muss ich so nahe wie möglich herankommen. Das ist ein täglicher Kampf.
Schade: Das Argument, dass man solche Bilder Leserinnen nicht zumuten kann, zieht für mich nicht. Ich habe eine andere, grundlegende Kritik an Kriegsbildern: Sie sehen immer in etwa gleich aus. Jemand ist traurig, verletzt oder tot, oder wir sehen eine Explosion oder Ähnliches. Die Fotos zielen auf Emotionen ab, auf unsere Betroffenheit. Aber danach geschieht nichts mehr.
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