Ende März im Sogar Theater Zürich. Sahar Tavakoli trägt auf Persisch Lieder und Gedichte vor. Die Iranerin singt und erzählt von Widerstand, Weiblichkeit und dem Leben in ihrer Heimat und im Schweizer Exil. «Schmerz 1», «Schmerz 2», «Schmerz 3», so lauten die Titel ihrer Texte. Während eines Intermezzos erklärt sie: «Ich muss meinen Schmerz aufschreiben, damit er den Körper verlässt.» Im Publikum sitzen auch Landsleute. Nicht nur sie wischen sich im Verlaufe des Abends Tränen von den Wangen.
Am Tag nach dem Auftritt treffen wir Sahar Tavakoli in ihrer Wohnung. Mit ihrem Mann Faryad Shiri lebt sie im Kanton Aargau in einem neu gebauten Wohnblock mit 13 Stockwerken. Wir wollen mit der Dichterin und Übersetzerin über den Schmerz ihres verlorenen Lebens sprechen – und über ihren Neuanfang in der Schweiz.
Der Garten ist frisch umgepflügt, der Lift für die Umzüge noch mit Holz ausgekleidet. Seit 45 Tagen seien sie hier, wird Tavakoli später erzählen, sie weiss es auf den Tag genau. Von der kleinen Terrasse hat man eine nette Aussicht auf ein paar Bäume und die umliegenden Wohnhäuser.
Tavakoli bittet uns an den Esstisch, ihr Mann kocht Schwarztee auf und serviert ihn in grossen Tassen. «Wir Iraner trinken viel Tee, darum müssen Krüge und Tassen gross sein», scherzt Tavakoli, und nachdem sie sich kurz auf Persisch miteinander besprochen haben, stellt er eine Schale Amaretti dazu und legt allen eine Rosenblüte in den Tee.
Für das Paar ist die kleine, hübsche Agglo-Wohnung der Inbegriff des Neustarts. In Teheran hatten die beiden erfolgreich einen Verlag geführt. Während ihr Mann vorwiegend kurdische und persische Literatur herausgab, widmete sich Sahar Tavakoli internationalen Autorinnen und Autoren und übersetzte unter anderem Robert Walsers «Spaziergang» und Zoë Jennys «The Sky is Changing».
Nach der Corona-Pandemie begann das iranische Regime, kurdische Aktivisten zu verhaften und Kulturschaffende zu bedrohen. So geriet auch Faryad Shiri ins Visier der Revolutionsgarde Sepah. Er wurde mehrere Male verhört und massiv unter Druck gesetzt. Vor drei Jahren flüchtete das Paar Hals über Kopf in die Schweiz und zog von einem Asylzentrum ins nächste: Zürich, Basel, Baselland, Aargau.
Im Mai 2025 erhielten sie eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Während Faryad Shiri schreibt und Arbeit sucht, studiert Tavakoli Anglistik und Nahost, schreibt Gedichte, tritt mit Lesungen und Performances auf und übersetzt wie schon vor ihrer Flucht vom Englischen ins Persische. Doch jetzt ohne Zensurbehörde im Nacken. «Das ist etwas ganz Neues für mich, es fühlt sich an, als würde ich im Regen tanzen», sagt die 47-Jährige. Als ersten Roman hat sie «The Little Red Chairs » von Edna O’Brien ins Persische übersetzt. Sahar Tavakoli steht auf, nimmt das Buch aus dem Regal und reicht es uns.
Haben Sie dieses Buch während Ihrer Zeit im Asylzentrum übersetzt?
Ja, ich hatte hier nach unserer Flucht nichts zu tun, wirklich nichts. Ich bin eine Frau, die viel unternimmt und sehr aktiv ist. Wir hatten in Teheran einen Verlag, in dem wir 400 Bücher veröffentlichten, wir betreuten internationale Projekte, ich übersetzte selber und arbeitete daneben an der Universität.
Sie haben Ihr Leben der Literatur gewidmet. Hier ist Ihr Bücherregal noch recht leer.
In unserer Wohnung in Teheran hatten wir mehr als 3000 Bücher, das war unser Schatz. Wir haben sie geliebt. Aber wir konnten sie nicht einpacken. Wir haben unser ganzes Leben zurückgelassen, nicht nur unsere Familie. Um unsere Spuren zu verwischen, liessen wir auch unsere Laptops und Handys zurück. Wir kamen mit zwei Koffern in die Schweiz und mit einer Festplatte, darauf sind unsere eigenen Arbeiten gespeichert und alles, was wir im Verlag veröffentlicht haben.
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