Der ehrliche Klappentext

«Das Radiesli stimmt mich zuversichtlich» von Nicole Egloff und Raphaela Graf

Zwölf Höfe im Jahresverlauf porträtieren die Journalistin Nicole Egloff und die Fotografin Raphaela Graf. Ihr Buch gibt Einblicke in die Vielfalt der Schweizer Landwirtschaft.
Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Donnerstag, 05. März 2026

Dicht an dicht reihen sich beige Rundungen. Auch bei genauerem Hinschauen ist nicht sofort erkennbar, worum es sich handelt. Erst die Bildlegende gibt Aufschluss: Im Keller einer alten Käserei erntet eine Frau Shiitakepilze. Knapp zwanzig Seiten weiter ist ein Bild zweier Kälber zu sehen, die an den Zitzen einer Kuh Milch saugen. Die Nahaufnahme verleiht der Fotografie Authentizität und Intimität.

Auch Kinder, Männer und Frauen sind im Buch abgebildet. Es gibt etwa eine Frau in Jeans, Sweatshirt und mit Pferdeschwanz zu sehen, die sich breitbeinig vor einem Stier aufbaut, damit sich das Tier in die Richtung bewegt, die sie ihm weist.

Die Fotografien sind abwechslungsreich. Sie nehmen die Leserinnen in den Alltag auf Schweizer Bio-Bauernhöfen mit und zeigen ungeschönte Realitäten. Aufgenommen hat sie die Fotografin Raphaela Graf. Sie hat die Journalistin Nicole Egloff auf zwölf Höfe begleitet, von der Waadt über Solothurn, Liestal, Luzern, Zürich und den Thurgau bis nach Graubünden war das Duo unterwegs.

Jeden Monat haben sie einen Betrieb besucht. Ziel war, in die Hofgemeinschaften einzutauchen und aufzuzeigen, was anders laufen müsste, damit die wachsende Schweizer Bevölkerung mit nachhaltig produzierten Lebensmitteln versorgt werden kann. «Das Buch macht Mut, denn es gibt Lösungen», heisst es auf dem Buchrücken.

Leider sind diese während der Lektüre nicht zu finden, zumindest nicht sofort. Eher werden Momentaufnahmen präsentiert und Einblicke in einen Arbeitsalltag ermöglicht. Die Journalistin weilt jeweils während drei Arbeitstagen auf einem Hof. Sie beobachtet und befragt nicht nur, sondern arbeitet mit. Das ist zwar informativ, aber auch sehr langatmig und zu detailreich.

Die Schilderungen verlieren sich im Fachjargon, dem Laien nur schwer folgen können. Es geht um Ammen- und Mutterkühe, Mast- und Legehybriden, Mulchschichten oder Kreiseleggen. Zwar hat es ganz hinten im Buch ein Glossar; das Hin- und Herblättern erschwert jedoch den Lesefluss.

An ein Fachpublikum richten sich die Interviews mit den Landwirten, die an die jeweiligen Porträts anschliessen. Dort wird gefragt, welche Tipps oder Ratschläge die Landwirtinnen geben, woher sie ihre Ideen oder Motivation nehmen oder wie sie ihre Böden pflegen. Zielgruppe des Buches dürften damit eher angehende (Bio-)Landwirte sein, oder zumindest Leserinnen, die ein thematisches Vorwissen mitbringen, zum Beispiel aus der Forschung. Für ein Laienpublikum ist das Buch ungeeignet.

Auch politische Fragen fliessen ein, etwa jene, was sich in der Agrarpolitik ändern müsste oder ob sich die Landwirte im Parlament vertreten fühlen. Die Antworten sind teilweise sehr absehbar und wirken mitunter auch ideologisch. Das ist nicht per se problematisch, müsste aber transparenter gemacht werden.

Immerhin erhält das Buch doch noch einige wenige Fakten, die Raum bieten für weiterführende, kritische Reflexionen. Ein Landwirt erzählt, dass im Biogemüsebau vor allem in Bergregionen 55-Stunden-Wochen branchenüblich sind, und das bei vier Wochen Ferien und einem Jahreseinkommen von 55 000 Franken. Es sei herausfordernd, eine ökologische Landwirtschaft auch ökonomisch gewinnbringend zu betreiben.

Alle Bauernfamilien sind sich einig, dass Lebensmittel viel zu günstig sind. «Nur gerade sieben Prozent eines durchschnittlichen Schweizer Haushaltsbudgets investieren wir in Nahrungsmittel. Das ist der niedrigste Wert in ganz Europa», schreibt die Autorin. «Das bedeutet nicht, dass wir wenig Nahrungsmittel kaufen, sondern dass sie extrem günstig sind, was wiederum dazu beiträgt, dass wir pro Kopf und Jahr 330 Kilogramm Lebensmittel verschwenden.»

Nicole Egloff, Raphaela Graf (Fotos): «Das Radiesli stimmt mich zuversichtlich. Zwölf Bauernhöfe denken Landwirtschaft neu», Rotpunktverlag, Zürich 2025; 288 Seiten; 42 Franken.

  • Reden wir über die Liebe

    N° 2/2026

    CHF14.00 inkl. 2.6% MwSt.
    In den Warenkorb