Kuratiert von Jana Bruggmann

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Donnerstag, 05. März 2026

Kunsthaus Zug, Sammlung Max von Moos, ohne Titel, 1964, Inv. -Nr. 3483.

Der Künstlerkult ist in den letzten Jahren ins Wanken geraten, das Bild vom unangreifbaren Genie fragwürdig geworden. Warum erwähne ich das? Weil ich nach einer Führung durch die Ausstellung «Max von Moos – Die Aufschlüsselung» gefragt wurde, ob sich der Künstler selbst als Genie verstanden habe.

Auf eine entsprechende Äusserung bin ich bei Max von Moos (1903–1979) bislang nicht gestossen; auszuschliessen ist eine solche Selbstwahrnehmung jedoch nicht. Als ich die Ausstellung vorbereitete, drängte sich mir allerdings eine andere Lesart auf: eine, die den Blick öffnet und nicht verengt.

Entsprechend versucht die Ausstellung nicht, aus Leben und Werk eine gefällige Erzählung zu formen, sondern dieses Werk aus unterschiedlichen Perspektiven aufzuschlüsseln. Sein Schaffen soll gewürdigt werden, in all seinen beeindruckenden, ja sprichwörtlich fantastischen Facetten.

Doch Max von Moos bleibt, was er in seinen Arbeiten selbst immer wieder zeigt: widersprüchlich, rätselhaft, suchend; zugleich aber auch verspielt, kreativ und engagiert. Kurz: Er bleibt Mensch.

Neben dem vielseitigen Werk, das in seiner Qualität für sich steht, erscheint mir für seine heutige Relevanz der Zusammenhang von Selbst- und Weltbeobachtung entscheidend. Von Moos richtet seinen sezierenden Blick sowohl nach aussen wie nach innen.

Letzteres wird in seinen zahlreichen Selbstporträts besonders deutlich. Über tausend solcher Zeichnungen befinden sich heute in der Sammlung des Kunsthauses Zug. Sie dokumentieren einen Prozess fortlaufender Selbstbefragung.

Von Moos zeichnet sich nicht, um sich möglichst naturgetreu einzufangen, sondern um innere Zustände sichtbar zu machen: Unsicherheit, Angst, Zweifel – kontrastiert durch Offenheit, Neugierde, Experimentierfreude.

Die Augen stehen in diesen Selbstporträts oft im Zentrum – überzeichnet, isoliert, durch Linien verdeckt oder gänzlich ausgespart. Diese Fixierung ist im Wesentlichen biografisch begründet. Max von Moos litt über Jahrzehnte an schweren Augenproblemen, die sich dramatisch zuspitzten.

Das Sehen entwickelt sich bei ihm zu einer existenziellen Frage, zu etwas ebenso Notwendigem wie Gefährdetem. Das Selbstporträt wird zum Ort, an dem Verletzlichkeit nicht kaschiert, sondern offengelegt wird.

Beim Nachdenken über ein Selbstbildnis von 1964 wird diese «Durchlässigkeit» des Künstlers besonders greifbar. Die Zeichnung entstand zu einem Zeitpunkt, als von Moos bereits Anerkennung erfuhr: Retrospektive im Kunstmuseum Luzern, Professur an der Kunstgewerbeschule, wachsende öffentliche Bekanntheit.

Das Selbstporträt erzählt davon nichts. Es zeigt Nervosität, innere Unruhe, einen vor Angst geweiteten Blick. Dieser lässt sich eher verstehen, wenn man berücksichtigt, was von Moos in jener Zeit sonst noch beschäftigte. 1964 entstanden auch Werke wie «Atomexplosion», die seine tiefe Besorgnis angesichts des Kalten Kriegs und des nuklearen Wettrüstens offenlegen.

Bei aller Vorsicht gegenüber solchen Deutungen wird doch deutlich: Persönliches Befinden und politisches Zeitgefühl sind bei von Moos untrennbar miteinander verschränkt.

Max von Moos taugt nicht als makellose Identifikationsfigur. Gerade das macht ihn interessant. Sein Werk ist höchst inspirierend, verweigert jedoch einfache Zuschreibungen und glatte Antworten. Es spart weder das Schöne noch das Hässliche aus, sondern insistiert darauf, dass Kunst sich der Welt stellen muss – und dem eigenen Zweifel. In dieser unbequemen Konsequenz liegt seine anhaltende Aktualität.

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