Linder liest

Mein Weihnachtswunsch

Wie haben Sie es mit Notizbüchern? Unser Kolumnist hasst sie - und kauft doch immer wieder eins.
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Donnerstag, 18. Dezember 2025

Ich hasse mein Notizbuch. Und damit meine ich nicht bloss das aktuelle. Ich hasse sie alle. Und doch kann ich nicht aufhören, sie zu kaufen. Denn jedes neue Notizbuch birgt die Hoffnung, dass dieses wertvoller werden könnte und mich zu einem besseren Menschen macht. Andere reisen zur Selbstfindung nach Indien. Ich kaufe ein neues Notizbuch. Aber natürlich ist die Hoffnung erloschen, noch bevor die anderen in Indien angekommen sind. Denn natürlich schreibe ich auch in dieses Heft wieder den üblichen Kram: Einkaufslisten. Bizarre Medikamentennamen. Telefonnummern anonymer Anrufe – und wenn man mit klopfendem Herzen zurückruft, nimmt ein freundlicher Herr namens Christoph Brunner ab, der wissen möchte, ob man zufrieden mit seiner Krankenkasse sei. «Nein, Herr Brunner, ich bin nicht zufrieden», möchte ich ihm am liebsten antworten. «Aber das hat nichts mit der Krankenkasse zu tun, sondern damit, dass in meinem Notizbuch lauter Nummern wie die Ihre stehen.»

Meine Erfahrung ist: Je kostbarer das Notizbuch, desto grösser der Kontrast zu den banalen Gedanken, die darin notiert werden. Von den Moleskine-Büchern lasse ich darum schon lange die Finger. Und genauso von allem, was mit dem Zusatz «handgeschöpft» daherkommt. Seiten, die an gewelltes Pergament erinnern, auf dem Mose die Zehn Gebote stenographiert hat, schreien es einem regelrecht entgegen: Wag es ja nicht, uns mit deiner Krankenkasse-Telefonnummer zu beschmutzen.

Eine Weile lang besorgte ich mir jene dünnen hellblauen Hefte, in denen wir damals im Französischunterricht die Vokabeln notiert haben. Doch ging der Wert der Gedanken nur selten über jenen des Materials hinaus.

Ein weiteres Phänomen: Die Notizbücher anderer Leute sehen immer so unglaublich viel ästhetischer aus. In vielen Bereichen ist mir Neid völlig fremd. Ein grösseres Haus (oder überhaupt ein Haus), ein schnelleres Auto, ein Dubai-Steak: Das ist mir alles egal. Das gönne ich den Menschen. Aber ein interessantes Notizbuch – da kriege ich Schaum vor dem Mund.

Kürzlich hat das «Zeit»-Magazin die Notizbücher berühmter Persönlichkeiten abgedruckt. Auf der Titelseite war jenes von Wes Anderson zu sehen, für mich der Inbegriff der Provokation. Das abgegriffene Deckblatt, das sich bereits etwas von der Spiralbindung gelöst hat, sieht genauso nach ehrlicher Arbeit aus wie sein unsinnlicher Braunton. Das Heft könnte auch einem Schweisser oder Inhaber einer Eisenwarenhandlung gehören, wäre der Name des Besitzers nicht am linken oberen Rand (für sich selbst oder die Nachwelt?) festgehalten: «Wes Anderson. Fantastic Notebook. Nr 1».

Noch schlimmer sind eigentlich nur die Tagebücher von David Sedaris, dem amerikanischen Erzähler. Darin finden sich Postkarten mit Sujets alter Meister, Familienfotos und Collagen, die zur Erhellung des Textes und zur Demütigung von Menschen wie mir hineingeklebt werden. Ich habe einmal versucht, etwas in ein Notizbuch zu kleben. Danach konnte ich das Teil wegschmeissen. Wenn ich doch wenigstens einen interessanten Gedanken hätte. Ein berühmtes Gedicht. Einen denkwürdigen Aphorismus. Eine Anekdote, die es wirklich verdient, festgehalten zu werden. Stattdessen nur Wurst und Brot und Christoph Brunner.

Vermutlich ist so das Leben. Das Notizbuch dokumentiert eben nicht seine höheren Weihen, sondern seine unfassbare Banalität, die so etwas wie der Bodensatz der Realität ist. Das andere ist ein Traum, ein Film, ist Literatur. Das Notizbuch handelt nur von dieser Realität. Und doch geht es auch um etwas anderes, nämlich um die Hoffnung, dass es einmal anders wird. Nennt man das nicht Utopie?

Als mich meine Frau fragte, was ich mir zu Weihnachten wünsche, lag die Antwort auf der Hand: «Ein Notizbuch.»

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