Katholiken und Reformierte bilden in der Schweiz keine absolute Mehrheit mehr. Dieser Schluss kann gezogen werden, obwohl die neue Statistik des Bundes noch nicht erschienen ist. Denn jene von 2023 zeigt: Nur rund die Hälfte der Bevölkerung, 50,2 Prozent, gehören der katholischen oder der reformierten Kirche an. Im letzten Jahr verloren die Landeskirchen gemäss den neusten Zahlen des Pastoralsoziologischen Instituts weitere 150 000 Mitglieder – während die Bevölkerung in derselben Zeit um etwa 125 000 Menschen wuchs.
Betrachtet man die Entwicklung der Mitgliederzahlen, kann man erahnen, wie es weitergeht. Das Forschungsinstitut Ecoplan prognostiziert für Mitte des Jahrhunderts noch rund 25 Prozent Kirchenmitglieder. 2045 dürfte es noch 1,7 Millionen Katholiken und rund eine Million Protestanten geben. Dieser Rückgang ist, von den Daten her betrachtet, einzigartig. Sogar das Schrumpfen der FDP – ihr Wähleranteil halbierte sich in hundert Jahren – war langsamer.
Soziologen sehen wenig Hoffnung. Jörg Stolz von der Universität Lausanne etwa sagt: «Demokratie ist nicht gut für Religionen, weil sie einhergeht mit einem starken Sozialstaat, mit Wohlstand, Sicherheit und hoher Bildung. All das führt zu vielen säkularen Konkurrenten, die Probleme im Leben von Menschen technisch lösen.» Man braucht keine spirituelle Heilung mehr, wenn es medizinische gibt. Man braucht keine kirchliche Wohlfahrt mehr, wenn man auch staatliche hat. Man braucht keinen Sonntagsgottesdienst mehr, wenn die Bedürfnisse nach Gemeinschaft durch Clubs und soziale Netzwerke gedeckt sind.
Statistiker wissen aber nur zu gut, dass Trends umkehren können. Selbst Kurven, die über Jahrzehnte stoisch in die gleiche Richtung zeigen, schlagen plötzlich aus, brechen ein oder drehen um. Ein schönes Beispiel dafür ist der Legostein.
Wie die Kirchen hatte auch einst der Legostein ein Problem mit neuer Konkurrenz, kulturellem Wandel und demographischer Veränderung: Die, die noch mit Legosteinen aufgewachsen waren, wurden langsam alt. Eine neue Generation von Kindern spielte lieber am Computer als mit Klötzen. Ab den Neunzigerjahren wuchsen die Umsätze des dänischen Unternehmens kaum noch. Vorübergehend vermochten Spielsets von Star Wars und Harry Potter die Verkäufe teilweise zu stabilisieren. In den Nullerjahren brachen die Erlöse ein.
Doch dann fanden die Klötzchen ein neues Publikum – mittelalte Männer. Die Marktforschung zeigte: Nostalgie, Bastelfreude – und bei manchen späte Vaterschaft, lässt sie mit den Bausteinen spielen. Das lässt die Umsätze explodieren und treibt sie bis heute in die Höhe. Und jene, die Väter wurden, wollten ihr Hobby mit ihren Kindern teilen.

Man beachte die fehlenden Legosteine: Zwischen 2002 und 2005 brachen die Erlöse bei Lego von 1,3 auf 0,8 Milliarden Franken pro Jahr ein. Dann wurde eine neue Zielgruppe entdeckt. Quelle: Lego Group, Brick by Brick
Ein anderes Beispiel sind Vereine. Über das 20. Jahrhundert wuchsen sie rasant. Sie machten dabei auch den Kirchen Konkurrenz. Man traf sich sonntags im Fussballclub anstatt beim Gottesdienst. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten sie ihre Mitglieder zumindest noch halten. Doch dann brachen die Zahlen ein, ein «Vereinssterben» begann.
Das zeigen beispielhaft die Zahlen der Pfadibewegung. Just zu der Zeit, in der bei Lego die Umsätze stagnierten, liefen auch den Pfadis die Kinder davon. Kam hinzu: Es gab auch immer weniger, die Familien wurden kleiner. Und die wenigen kämpften jetzt lieber zuhause in virtuellen Super-Mario-Welten, als in feuchten Wäldern Seilbrücken zu bauen. Generationen-Lücken entstanden, es fehlten plötzlich Leiterinnen und Leiter – und damit neue Mitglieder. Ein Teufelskreis. Manche Gruppen standen kurz vor der Auflösung.
Vielen Vereinen ging es ähnlich. Der Swiss-Olympic-Verband, der viele Sportvereine vereint, erfuhr bis in die Neunzigerjahre ein starkes Wachstum, dann Stagnation, Doch in den letzten zehn Jahren gelang es besonders der Pfadibewegung, Kinder und Jugendliche wieder für sich zu begeistern. Die Internationale Pfadfinder-Organisation entwickelte sogar spezielle Programme, um Generationen-Lücken zu verhindern. Zur gleichen Zeit stiegen die Zahlen auch bei der Jubla; nur beim Cevi sind sie weiter leicht rückläufig.
Auch andere Vereine wachsen wieder kräftig, der Schweizer Alpenclub zum Beispiel, dessen Hütten, manche mit spektakulärer Architektur und harten Bänken, so etwas wie moderne Kirchen sind. Den Menschen bleibt es ein Bedürfnis, sich zu treffen und gemeinsam Dinge zu unternehmen.
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