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Donnerstag, 18. Dezember 2025

Rainer Maria Rilke geniesst, 150 Jahre nach seiner Geburt und ein knappes Jahrhundert nach seinem Tod, eine für Lyriker ansehnliche Bekanntheit. Rilkes Poesie wird gebraucht, allerdings in einer selektiven Weise, man liest sie vor allem in Zitatensammlungen und Poesiealben. Ein Evergreen auf Geburtstagseinladungen oder auch Trauerkarten sind etwa die Zeilen:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Es sind feierliche Gedanken zur Entwicklung des Lebens und zum Lebenswillen im Angesicht von Widerständen und Sterblichkeit. Erbaulich, aber auch genügend vage deuten sie eine tröstliche Metaphysik an, die auch kirchenferne Empfänger erreicht.

Rilke-Zitate sorgen auch unter Popstars für Sex-Appeal. Lady Gaga liess sich ein Faksimile einer Rilke-Handschrift auf den Oberarm tätowieren. Und Jimin, Leadsänger der erfolgreichsten K-Pop-Gruppe BTS, trägt in einem Videoclip («Set Me Free Pt. 2») die oben zitierten Zeilen in schwarzer Frakturschrift auf seinem nackten Oberkörper.

Weniger bekannt ist, dass das Gedicht noch eine zweite Strophe hat. Sie wird auf den Gratulationskarten wohl nicht nur aus Platzgründen meist weggelassen:

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiss noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein grosser Gesang.

Warum und wie sich das Leben genau über die Dinge zieht, bleibt in der ersten Strophe rätselhaft. In der zweiten wird als Zentrum des Kreisens überraschend Gott genannt, den man ja üblicherweise nicht als Ding bezeichnen würde. Doch wer Rilkes «Stunden-Buch» weiterliest, dessen ersten Seiten diese Zeilen entnommen sind, wird merken, dass dies ein typischer Aspekt von Rilkes Sicht auf Gott ist.

Gott ist in diesem Weltbild eben in allen Dingen, in den grössten, natürlich, aber auch in den kleinsten. So erklärt es der Sprecher – eine Art Mönch, in dem viel von Rilke selbst steckt – einige Seiten weiter:

Ich finde dich in allen diesen Dingen,
denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in den geringen
und in den grossen giebst du gross dich hin.

Rilkes Gott trägt zwar seinen gängigen Namen, im Übrigen wird er aber nicht in konventionellen christlichen Begriffen vorgestellt. Was er ist, ist Gegenstand einer Auseinandersetzung mit offenem Ausgang. Ebenso die Frage nach der Natur des Sprechers. Ist er nun Falke, Sturm oder Gesang?

In seinem «Stunden-Buch», insbesondere im ersten Teil mit dem Titel «Das Buch vom mönchischen Leben» von 1899, verarbeitete Rilke Eindrücke von seinen Russlandreisen. Begeistert vom Gemeinschaftsleben und der orthodoxen Religion entwickelte er eine Vision, die er dem rationalistischen, materialistischen Weltbild und der Religion des Westens entgegenstellte.

Den Bezug zum religiösen Andachtsbuch, das beim täglichen Beten begleitet, trägt das Werk in seinem Titel. Nach seiner Erstpublikation 1905 war es ein enormer Publikumserfolg. In der späteren Rezeption von Rilkes Werk wurde es zu einem Frühwerk herabgestuft, in dem sich der Dichter noch nicht von seinem überkandidelten literarischen Jugendstil freigemacht habe. Heute wird Rilkes «Stunden-Buch», wenn überhaupt, dann eher stiefmütterlich behandelt.

Dagegen dürfte heutige Leser die scharfe Religionskritik weniger stören, die am Anfang des 20. Jahrhunderts noch für Empörung gesorgt hatte. Rilkes Mönch dünkt es etwa falsch, wie Licht und Glanz in der westlichen Kirchenkunst verherrlicht werden. «Mein Gott ist dunkel», hält er dagegen.

So viele Engel suchen dich im Lichte
und stossen mit den Stirnen nach den Sternen
und wollen dich aus jedem Glanze lernen.

bref+

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