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Interview: Barbara Schmutz
Bilder : Fabian Hugo
Donnerstag, 13. November 2025

Der Bub und seine Schwester kommen am selben Tag zur Welt. Das Mädchen war bereits als Säugling eigenwillig, sagen die Eltern. Es wächst zu einem klugen Teenager heran, wird Klassenbeste, später Musikerin. Der Bub hingegen versteht die Schule nicht, weiss nicht, was man von ihm will. Er lernt viel und lange und kommt dennoch nicht auf einen grünen Zweig. Er strengt sich an und wird anstrengend. Schutz findet er zuhause, an Mamas Rockzipfel. «Oh Gott», denken die Eltern, «was ist das bloss für ein Junge.» Sie stecken ihn in Sportvereine: Aus ihm soll ein Mann werden.

Der Bub, getauft auf den Namen Frank, wird Kriegsdienstverweigerer, Krankenpfleger, Theologe, Philosoph, Ethiker, Titularprofessor, Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin, NEK.

Am 11. Dezember feiert Frank Mathwig seinen 65. Geburtstag. Ende Jahr geht er in Pension. Rita Famos, die Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, EKS, schaut seinem Abgang «mit ein wenig Sorge entgegen, wegen des Wissensverlusts, der damit verbunden ist».

Bei der EKS ist Mathwig Beauftragter für Theologie und Ethik. Unzählige Stellungnahmen, Verlautbarungen, Grundsatzpapiere sind geprägt von seiner Argumentation. «Franks Arbeit hat die EKS innerhalb der deutschsprachigen Ethik und Theologie verschiedentlich zu einem liberalen Vorposten gemacht», sagt Famos. «Er argumentiert dabei immer auf gut reformiertem Fundament.»

So schreibt Mathwig etwa zur Frage, ob es nach der «Ehe für alle» auch eine «Familie für alle» geben soll: «Wir täten gut daran, die Versuche einzustellen, die Bibel als Biologiebuch oder reproduktives Vademecum zu lesen. Stets kommt das heraus, was wir herauslesen wollen. Konstruktiv wäre es, sich ernsthaft und kritisch prüfend der Frage zu stellen, ob Gott, der Geber allen Lebens, nicht viel eher auf der Seite der Neuankömmlinge in der Welt zu suchen ist als auf der Seite derjenigen, die entweder (nur) bestimmte Kinder oder Kinder (nur) für bestimmte Familien wollen.»

«Wo EKS draufsteht, ist oft Mathwig drin», sagt Magdalene Frettlöh, emeritierte Professorin für Theologie an der Uni Bern. Sie ist eine von Mathwigs akademischen Wegbegleiterinnen, kennt ihn seit 14 Jahren, als er an der Uni Bern zum Titularprofessor ernannt wurde. Sie organisierte mit ihm Ringvorlesungen und beide gaben im Theologischen Verlag Zürich zusammen mit zwei weiteren Kollegen die Buchreihe «reformiert» heraus.

Dazu gehört auch eine Sammlung von Mathwigs Vorträgen und Aufsätzen, in denen er anhand von religionspolitischen Konflikten, bioethischen Herausforderungen und der Begegnung mit dem Tod zeigt, wie theologische Ethik verstanden werden kann. Keine leichte Kost zum Lesen. Im Vorwort schreibt Frettlöh: «Es ist ein Denkereignis, ihm bei diesen Erkundungen zu folgen. Selbst wenn es dafür der mehrfachen Lektüre seiner Texte bedarf.»

Das Gleiche, wenn auch nicht mit den gleichen Worten, sagt Markus Zimmermann. Zimmermann ist katholischer Theologe, Präsident der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin und ein Freund Mathwigs. Seit 12 Jahren sitzen sie zusammen in der Kommission. Mathwig mische sich in viele Debatten ein, lege aus, was gesagt werde, und bohre dabei tiefer und tiefer.

«Das gerät zum Abenteuer, weil er einen auf verschiedene Pfade mitnimmt und dabei das Für und Wider von Argumenten aufzeigt. Er denkt dialektisch, schlüpft in verschiedenste Rollen und nimmt unterschiedlichste Perspektiven ein.» Als Zimmermann noch nicht NEK-Präsident war, fand er sich nicht selten in der Rolle des Übersetzers wieder: Er versuchte, Mathwigs Volten für die anderen Mitglieder verständlich zu machen.

EKS-Präsidentin Famos will, dass die Produkte des Kompetenzzentrums Theologie und Ethik auch für Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer eine gute Arbeitsgrundlage sind. Zusammen mit Mathwig suchte sie deshalb immer wieder nach Wegen, «wie man das, was er schreibt, an die Leute bringen kann». Blogs und Podcasts, redigiert und moderiert von Mathwigs Arbeitskollegen, seien ein Weg. «Aber wir schaffen es nicht immer, seine Beiträge verständlicher zu machen.»

Herr Mathwig, Ihre akademischen Wegbegleiter und Freunde müssen Ihre Texte mehrmals lesen, Ihre Arbeitskollegen versuchen, Sie zu übersetzen. War es für Sie nie eine Option, populärer zu schreiben?

Ich dachte immer, ich würde populär schreiben. Noch populärer kann ich nicht, ich weiss nicht, wie das geht. Mir haben viele Menschen völlig zu Recht gesagt, «du musst einen Rhetorikkurs machen, es ist unsäglich, dir zuzuhören, wenn du diskutierst, das versteht kein Mensch». Das stimmt, alles richtig. Und doch will ich es letztlich gar nicht anders. Manchmal, wenn ich einen meiner älteren Texte lese, bin ich ähnlich ratlos wie mein Publikum. Ich glaube, ich entferne mich im Denken von mir selbst. Deshalb brauche ich wohl auch so lange dafür. Ich schreibe häufig nachts. Dann läuft es besonders gut, begleitet von monotoner Musik und ab und zu einer Zigarette auf dem Balkon, sonst rauche ich nicht mehr. Manchmal habe ich das Gefühl, mein Gehirn entwickle in diesen Momenten ein Eigenleben. Das mag jetzt dekadent klingen, doch für mich ist es harte Arbeit und ich weiss nie, wo ich rauskomme.

Das sieht Markus Zimmermann anders. Er sagte, Sie wüssten bei all Ihren Argumentationen immer, wo Sie hinwollten.

Ich weiss es nie. Mein Denken überrascht mich immer. Kürzlich sagte mir Rita Famos: «Schreib doch zum Abschied noch ein Buch über Menschenrechte.» Ich sitze da, mit tausend Ideen im Kopf, alles ungeordnet. Es macht mich geradezu wütend, dass ich seit mittlerweile vierzig Jahren immer durch dieses Tal muss und den Ausweg höchstens ahne. Ich weiss nur, dass es einen gibt, immer, aber dass ich dort mit ganz anderen Gedanken lande, als ich sie habe, wenn ich mit Schreiben beginne.

***

Zu den Personen, die sein Denken prägten, gehören der Systematiker und Therapeut Dietrich Ritschl und sein Doktorvater Wolfgang Lienemann, der ihn im Winter 1999 in die Schweiz geholt hatte, an die Uni Bern. Gelernt, immer wieder Neues, hat er von all den Menschen, denen er begegnet ist und mit denen er zusammengearbeitet hat. Debatten, Diskussionen aber auch Auseinandersetzungen halfen ihm, an seiner Argumentation zu feilen.

bref+

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