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Donnerstag, 09. Oktober 2025

Richard Gerstl (1883–1908), Gruppenbild mit Schönberg, 1908, Öl auf Leinwand, 169 × 110 cm. Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm.

Das «Gruppenbild mit Schönberg» von Richard Gerstl habe ich ungezählte Male betrachtet. Zusammen mit Tausenden von Jugendlichen und Erwachsenen erkundete ich es entweder vor Ort im Kunsthaus Zug, wo ich lange Jahre als Kunstvermittlerin gearbeitet habe, oder diskutierte es im Unterricht als Dozentin für Art Education.

In all den Gesprächen, mit Kunsthaus-Besucherinnen und mit Studierenden, hörte ich oft als erste Wortmeldung: «Das ist ein Familienbild!» Ohne Titel und Künstlername zu kennen, erinnert die Art der Aufstellung der Personen an alte Fotografien. Die beiden hinteren Personen werden als «Eltern» identifiziert, im Vordergrund knien vier erwachsene «Kinder».

Die stehende Person links wird eindeutig als Mann gedeutet mit Glatze und Schnauz, weissem Hemd, braunem Sacco und mit einem in die Hüfte gestemmten Arm. Schreit er? Steht daneben «seine Frau» in einem roten, langen Kleid? Sie sieht so männlich aus.

Während er die Gruppe dominiert, steht sie im Zentrum des 169 Zentimeter hohen Bildes und beansprucht die grösste Malfläche. Der Künstler hebt sie in leuchtendem Rot kontrastierend zum hellen Grün des Hintergrundes optisch hervor. Da sind sich alle einig.

Klar ist auch: Es ist Sommer. Die Farben leuchten. Die Gruppe steht an einem Hang, das Paar schaut über die Köpfe der Vierer-Gruppe hinweg frontal zum Künstler.

Doch warum hat er das Bild so verschmiert? Inmitten sommerlicher Idylle die Figuren verunstaltet? Gab es Konflikte? Hat der Künstler diese malend aufgezeigt? Die «Familie» hatte bestimmt keine Freude an diesem Bildnis.

Der Maler stellte die sechs Personen kompositorisch unausgeglichen auf. Dass die «leere» Fläche in der hinteren Reihe Platz für eine weitere Person bieten würde, ist stets ein Thema. Spachtelspuren lassen die Grundierung der Leinwand aufleuchten.

Zwischen den Köpfen der Knienden kann man hautfarbene Malspuren entdecken. Sind das Teile von Händen einer weiteren Person, die nicht mehr zu sehen ist? Hat sich der Maler selbst ins Bild gesetzt und dann weggemacht?

Fingerspuren in der pastosen Ölfarbe des roten Kleids werden als Hinweise gedeutet, dass ihr «Körper» mit beiden Händen auf der Leinwand bearbeitet wurde. Aus der roten Farbe heraus wurden auch Arme und Hände geformt.

Fingerabdrücke vor dem Gesicht der schwarzhaarigen Person vorne lassen eine Ohrfeige erahnen. Und ganz oben ist die Spur einer Handbewegung zu sehen, die einen Keil zwischen das Paar zu schieben scheint. Hätte der Maler die Geste weitergeführt, hätte er das Paar getrennt.

Immer wieder wird spekuliert, ob sich der Künstler möglicherweise in die «rote» Frau verliebt hatte, sie aber bereits vergeben war. Ist das Bild Zeugnis einer unerfüllten Liebe?

Richard Gerstl war ein aufstrebender und rebellischer Künstler. Da er sich auch für zeitgenössische Musik interessierte, fand er Aufnahme in den Kreis um den Wiener Komponisten Arnold Schönberg, den wir oben links identifizieren können.

Zudem wurde er dessen Mallehrer. Mehrmals porträtierte er den Musiker, dessen Familie und vor allem Mathilde, dessen Frau. Gerstl verliebte sich in sie, doch die Affäre flog auf und geriet in Wien zum Skandal. Noch im selben Jahr, 1908, nahm sich der Künstler erst 25-jährig das Leben – und geriet für lange Zeit in Vergessenheit.

Im Vergleich mit zahlreichen Kunstwerken, die während der gleichen Zeitspanne entstanden sind, ist offensichtlich: Mit seiner radikalen Ehrlichkeit und seiner expressiven malerischen Ausdrucksweise war Richard Gerstl seiner Zeit voraus.

Die Betrachtenden werden still. Durch genaues Hinsehen, gemeinsames Erkunden sowie Kontextwissen löst das «Gruppenbild mit Schönberg» auch nach beinahe 120 Jahren noch immer tiefe Betroffenheit aus.

  • bref Magazin - Oh Erwin!

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