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Interview: Roger Nickl
Interview: Thomas Gull
Bilder: Stefan Walter
Donnerstag, 09. Oktober 2025

Andreas Losch, Matthias Wüthrich, was interessiert Sie als Theologen am Weltraum?

Matthias Wüthrich: Mich interessiert aus theologischer Perspektive beispielsweise die Frage, was Leben ist, und in diesem Zusammenhang auch die astrobiologische Frage nach extraterrestrischem Leben. Dazu habe ich zusammen mit Oliver Ullrich, Direktor des Space Hub an der Universität Zürich (UZH), Lehrveranstaltungen gemacht. Was sucht man, wenn man nach Leben im Universum sucht? Diese Frage ist zirkulär: Es braucht ein Verständnis von Leben, um überhaupt Leben entdecken zu können. Da besteht Reflexionsbedarf. Ich beschäftige mich aber auch mit der Frage, was der Himmel ist.

Ist das denn nicht klar?

Wüthrich: Nicht unbedingt. Der religiöse Himmel, Heaven, und der naturphilosophische oder naturwissenschaftliche Himmel, Sky, wurden bis in die Frühe Neuzeit immer zusammen gedacht. Dann begannen sie langsam auseinanderzubrechen. Der religiöse Himmel wurde von den Naturwissenschaften an den Rand gedrängt. Für die Theologie ist er aber essenziell. Die Frage ist nun, wie sich unter modernen Bedingungen Heaven und Sky zusammendenken lassen.

Herr Losch, warum forschen Sie zum Weltraum?

Andreas Losch: Ich bin 2014 in die Schweiz gekommen und habe zuerst als Theologe am Center for Space and Habitability der Universität Bern geforscht. Dort habe ich an einem Projekt mitgearbeitet, das sich aus astrobiologischer Perspektive mit möglichem Leben jenseits unseres Planeten beschäftigte. Später habe ich mich dann mit einer Arbeit zum Thema «Der gestirnte Himmel über uns. Theologie, Naturwissenschaft und Ethik» an der UZH habilitiert. Und ich habe ein eigenes Projekt zur planetaren Nachhaltigkeit, wie ich das genannt habe, lanciert – zu Nachhaltigkeitsfragen auf der Erde und im erdnahen Weltraum. Seit ich in der Schweiz bin, ist der Weltraum also ein wichtiges Thema in meiner Agenda.

Andreas Losch ist evangelischer Theologe und hat sich auf den Dialog mit Naturwissenschaften und Philosophie spezialisiert. Er war Managing Editor der Martin-Buber-Werkausgabe, Koordinator des Projekts «Life beyond our planet?» am Center for Space and Habitability der Universität Bern. Aktuell lehrt er als Privatdozent an der Universität Zürich und forscht zu einer «Ethik der Planetaren Nachhaltigkeit» in Bern. Matthias Wüthrich ist ordentlicher Professor für Systematische Theologie, insbesondere Religionsphilosophie an der UZH. Er ist Co-Leiter des Instituts für Hermeneutik und Religionsphilosophie. Neben Forschungen zur Theologie Karl Barths befasst er sich mit Raumtheorien, dem Dialog «Science and Religion», Digital Religions sowie dem Theodizeeproblem.

Sie interessieren sich beide für Fragen nach extraterrestrischem Leben. Inwiefern sind diese theologisch relevant?

Wüthrich: Ich möchte zuerst einen Schlenker machen: Als 1968 die Sonde Apollo 8 vom Mond aus die Erde ablichtete, drang unser Planet das erste Mal so richtig ins Bewusstsein der Menschheit. Das Bild der fragilen blauen Murmel löste viele Emotionen aus und hatte einen grossen Einfluss etwa auf die Öko-Bewegung. Es ist für mich auch ein Sinnbild für die Frage, wie ich mit diesem Thema umgehe. Das Ausgreifen in den Kosmos bewirkt einen Rückblick auf uns selber, auf unser Selbst- und Weltverständnis. Was immer wir im Universum entdecken werden, hat Einfluss auf uns und muss interpretiert und verstanden werden. Wenn wir jetzt dort draussen nach Leben suchen, hat das auch einen Einfluss auf das, was uns hier auf der Erde umtreibt. Meine Rolle als Theologe ist nicht nur, danach zu fragen, wie Leben mit Gott zusammenhängt, sondern zunächst mal bei der Klärung zu helfen, was wir machen, wenn wir nach Leben fragen. Ist das überhaupt ein naturwissenschaftlicher Begriff?

Und, ist es einer?

Wüthrich: Ich würde sagen, nein. Naturwissenschaften können Lebensphänomene beschreiben, sie können Eigenschaftslisten und Biosignaturen von Leben erheben. Und sie können auflisten und umkreisen, was funktional zum Leben gehört. Aber sobald wir zu einer prinzipiellen Definition ausholen und sagen «Leben ist – », verlassen wir die Ebene naturwissenschaftlicher Methodik und sind auf einer weltanschaulichen Ebene. Sich damit zu befassen, ist eine wichtige Aufgabe der Theologie und der Ethik.

Welche Fragen können die Naturwissenschaften denn nicht beantworten, Theologie und Ethik aber schon?

Losch: Wir brauchen Werte, um zu handeln und um zu entscheiden, was gut ist und was nicht. Solche Wertefragen sind nicht Thema der Naturwissenschaften. Theologie und Ethik sind dagegen Disziplinen, die darüber intensiv nachdenken.

Herr Wüthrich, Sie haben gesagt, das Erforschen des Kosmos habe auch Rückwirkungen auf das Leben und unser Selbstverständnis auf der Erde. Wie würde denn extraterrestrisches Leben den Blick auf uns selbst verändern?

Wüthrich: Es wäre eine weitere Dezentrierung des Menschen, eine weitere «Kränkung», wie es Sigmund Freud genannt hat. Nach Kopernikus sind die Erde und der Mensch nicht mehr Mittelpunkt des Universums, nach Darwin stammt der Mensch vom Affen ab, nach Freud ist er nicht mehr «Herr im eigenen Haus», weil es unbewusste Tiefenschichten in ihm gibt, die ihn bestimmen. Heute – das ist der nächste Schritt – denken viele, wir würden von Maschinen mit KI überholt. Wenn nun irgendwann vielleicht sogar intelligentes ausserirdisches Leben entdeckt würde, wäre das eine weitere Relativierung des anthropozentrischen Weltbildes, das die westliche Geschichte geprägt hat.

Losch: In einer Vorlesung habe ich einmal versucht, die Frage, was die Existenz von ausserirdischem Leben für die Theologie bedeuten würde, fundamental durchzubuchstabieren – für die Schöpfungs-, Offenbarungs- und Erlösungstheologie.

bref+

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