
Hand aufs Herz: Welche Namen kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Schweizer Literatur denken? Wahrscheinlich Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, vielleicht Jonas Lüscher oder Lukas Bärfuss, wenn Sie moderne Werke mögen, oder Gottfried Keller und Jeremias Gotthelf, wenn Sie zu den Klassikern neigen. Die Werke all dieser Autoren gehören zum sogenannten Kanon, jenem imaginären Verzeichnis von Büchern, von denen es heisst, dass man sie gelesen haben muss.
Nun betrachten Sie die genannten Namen – fällt Ihnen etwas auf?
Genau, das sind alles Männer. Frauen sind in diesem Kanon krass untervertreten. Nicht etwa, weil sie im Laufe der Jahrhunderte weniger oder weniger gut geschrieben hätten. Sondern weil ihre Werke durch die Literatur von Männern verdrängt wurden. Das zumindest ist die These von Nadia Brügger und Valerie-Katharina Meyer. Die beiden Literaturwissenschaftlerinnen haben ein Buch über Schweizer Schriftstellerinnen geschrieben – und wagen damit den Versuch eines Gegenkanons.
«Widerstand und Übermut» konzentriert sich auf die Siebzigerjahre. Zu jener Zeit fand in der Schweiz ein regelrechter Aufbruch statt, befeuert unter anderem durch die Einführung des Frauenstimmrechts. Gemündet habe das in einen «vorläufigen Höhepunkt in der literarischen Produktion von Frauen», schreiben die beiden Autorinnen.
Zwar zählten sich nicht alle damaligen Schriftstellerinnen zur feministischen Bewegung. Viele von ihnen thematisierten laut Brügger und Meyer aber explizit die Rolle der Frau in der Gesellschaft oder fokussierten auf Sphären, die weiblich besetzt waren – und damit oft als banal erachtet wurden. So schufen sie nicht nur Sichtbarkeit für vermeintlich Unwichtiges, sondern untergruben ein Stück weit auch die patriarchalen Machtverhältnisse.
Beispielhaft zeigt das ein Gedicht von Birgit Rabisch, das in «Widerstand und Übermut» zitiert wird: «Die Propheten / warten / auf das gelobte Land // Karl Marx / wartete / auf das Reich der Freiheit // Ernst Bloch / wartete / auf das Land worin noch niemand war // Ich / warte / mit dem Essen auf dich.»
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste beschreibt die Schweizer Literaturszene der Siebzigerjahre und die Art und Weise, wie Frauen sich Raum erkämpften. Eine besondere Rolle kommt Ruth Mayer zu, die mit R+F in Zürich einen der wichtigsten Verlage für Frauen gründete. Zahlreiche Abbildungen von Kampfschriften und Flyern, aber auch von Korrespondenz, die Mayer mit verschiedenen Autorinnen führte, lassen einen den revolutionären Geist dieser Zeit noch heute erahnen.
Im zweiten Teil wird unter dem Titel «einander und füreinander schreiben» unter anderem auf den Briefwechsel zwischen den Schriftstellerinnen Adelheid Duvanel und Maja Beutler eingegangen. Damit wollten Brügger und Meyer auch ein Zeichen für die Wichtigkeit von Frauen-Netzwerken setzen. Sie zitieren dabei die Schweizer Genderforscherin Franziska Schutzbach: «Beziehungen zwischen Frauen wurden in der Philosophiegeschichte als unbedeutsam erachtet, es waren die Beziehungen unter Männern, denen man nachsagte, dass aus ihnen wichtige Werke hervorgingen.»
Zuletzt picken Brügger und Meyer einzelne Texte heraus, etwa von Claudia Storz, Fleur Jaeggy oder Gertrud Wilker, womit sie der «systematischen Nichtbeachtung zahlreicher Autorinnen entgegenwirken» wollen. Dieser Teil mag ein wenig fragmentarisch wirken, wie auch das ganze Buch nicht den Anspruch hat, das Gesamtwerk aller wichtigen Schriftstellerinnen der Siebzigerjahre vorzustellen.
Die Stärke des Buches liegt vielmehr darin, dass es überhaupt einmal das Bewusstsein schafft für die Fülle an guter Literatur, die von Schweizerinnen geschrieben wurde. Dass es ein Schlaglicht wirft auf den Widerstand, den die Autorinnen damals gegen verkrustete Strukturen geleistet haben. Und dass es Lust macht, sich vom Übermut anstecken zu lassen, mit dem Sprache und Themen neu erkundet wurden.
Nadia Brügger, Valerie-Katharina Meyer: «Widerstand und Übermut. Schweizer Schriftstellerinnnen der 1970er-Jahre». Hier und Jetzt, 2025; 240 Seiten; 41.90 Franken.