Überschätzt – Unterschätzt

Kult

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Donnerstag, 19. Juni 2025

In unserer als religionsfern geltenden Gesellschaft ist mit der zunehmenden Säkularisierung ein interessantes Phänomen aufgetreten: Totgeglaubte theologische Begriffe führen in der Jugendsprache plötzlich ein munteres Eigenleben. Ein angesagter Trend, ein gefeierter Star oder eine spektakuläre Veranstaltung wurden seit den späten 1970er-Jahren schnell mal zum «Kult».

Bevor dieser Terminus sich nach und nach von seinem kirchlichen Kontext abgekoppelt hatte, stand er für zeremonielle Wiederholungen, mit denen der Bund mit der göttlichen Instanz gefestigt werden sollte. Die praktizierten Rituale und inszenierten Bilder dienten dabei jedoch nicht nur der Verstetigung transzendenter Heilsbünde, sondern auch der Stärkung des Gemeinschaftsfeelings innerhalb der Community.

Die gemeinsame kollektive Anbetung des Idols hält auch jede Fangemeinde zusammen. Gerade in einem Gesellschaftssystem, in dem nicht mehr klassisch rituell gebetet wird, kehrt die Anbetung als weltliche Ersatzhandlung zurück.

Wo die Theologen nicht mehr hinreichen, liefern längst die Soziologinnen die Deutungsangebote: Gemeinschaftliche Praktiken nehmen demnach parareligiöse Formen an, ohne auf transzendente, theistische Grundlagen zurückzugreifen. Fankulturen, Unternehmensrituale und Vereinsevents basieren auf derselben emotionalen Wirkung, die einst den Gottesdiensten innewohnte. Nur kommen diese ohne den Glauben an das Heilige aus.

Dabei läuft es nicht so, dass jene Jugendliche, die diese alten religiösen Termini neu in Gebrauch nehmen, den Traditionsbruch nicht spürten. Die Kluft wird oft mit Sarkasmen überspielt. Influencer, die in den Sozialen Netzwerken Modetrends setzen, nennen sich selbst augenzwinkernd Stil-Ikonen.

Ihr Image spielt mit der alten Bilderanbetung der orthodoxen Kirche. Nur ruft ihre Medienwirksamkeit kein Wunder mehr an, sondern erweist sich lediglich als hübsch inszenierte profane Warenbeziehung. Die alten Symbole und Bilder sind dann nichts anderes mehr als virtuelle Abziehbilder, die sich wie beim Fussballer-Bildchentausch auf dem Schulhof unter Kids handeln lassen.

Solange der Unterschied zwischen kultischer und kultiger Handlung noch nicht gänzlich verschliffen ist, behält das Heilige seinen angestammten Platz. Ein Kultstatus ist schliesslich etwas völlig anderes als eine kultische Handlung. Das können die Religionen dann doch noch am besten. Über die Zeiten hinaus.

Kupferstich: KI-generiertes Bild, chatgpt.com

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