Vor zehn Jahren kündigte Mark Zuckerberg eine «grossartige Revolution» an. Im «Wall Street Journal» schrieb der Facebook-Gründer und Meta-Chef, die Welt werde dank digitalen Medien offener und vernetzter – also besser. Das Internet und all seine Tools würden mehr Demokratie ermöglichen und weniger Armut zulassen.
Dass Soziale Medien und das World Wide Web Heilsbringer für unsere Gesellschaft sind, muss heute bezweifelt werden. Skandale um Fakenews und Wahlmanipulationen lassen grüssen.
Unbestritten ist, dass digitale Medien unseren Alltag radikal verändert haben. Wir tun Dinge, die noch vor zwei oder drei Jahrzehnten undenkbar waren. Wir tippen und lesen auf unseren Mobiltelefonen, blicken alle paar Minuten drauf, um News zu checken. Wir brauchen sie zum Zahlen im Restaurant, als allwissende Beifahrer im Strassenverkehr, um uns mit Freunden auszutauschen. Also dauernd. Manche Kinder lernen, bevor sie richtig sprechen können, anatomisch neuartige Bewegungen mit Daumen und Zeigefinger.
Trotz allem stellt sich die Frage: Was an den neuen Medien ist wirklich neu?
Von Grund auf verändert haben sie uns nicht. Schliesslich haben wir das Schreiben von Nachrichten und Briefen nicht dank der Erfindung von E-Mails oder SMS gelernt. Wir hören nicht wegen Spotify Musik. Wir schliessen nicht wegen Facebook Freundschaften. Auch kamen wir mit dem Auto schon vor dem digitalen Zeitalter ans Ziel.
Technologie macht unser Leben effizienter. Vielleicht auch einfacher. Sie schafft aber selten Kultur. Nicht unsere Bedürfnisse haben sich verändert, sondern die Art und Weise, wie sie befriedigt werden. Die Nachfrage ist dieselbe, das Angebot ist neu – und unglaublich gross.
Nicht alles ist neu, was neu daherkommt: In einer Zeit, in der alle von Disruption oder gar Revolution reden und in der viele das Gefühl haben, mit dem rasanten Wandel nicht mitzukommen, hilft diese Einsicht womöglich. Wir haben sechs angebliche Innovationen aus der digitalen Welt zusammengetragen, die in uns Erinnerungen an die analoge Welt aufkommen lassen – sowie das Gefühl, das alles schon einmal gesehen, gelesen und gehört zu haben: «Déjà vu, déjà lu, déjà entendu.»
Zugegeben, auch etwas Nostalgie schwingt mit. Ist ein Liebesbekenntnis auf Papier nicht romantischer als ein Emoticon-Kuss? Ist es nicht einfacher, Digitalfotos zu löschen als ein Fotoalbum in den Papierkorb zu schmeissen? Ausserdem hatten Dinge früher etwas Intimes, wir hatten sie nur für uns.
Höchstens der Verkäufer unserer bevorzugten Ex-Libris-Filiale wusste über unseren Musikgeschmack Bescheid. Und nur der neugierige Pöstler konnte mitlesen, was wir auf Postkarten schrieben. Heute wird geteilt, was das Zeug hält. Und auch wenn wir es nicht wollen, folgen Mark Zuckerberg und Co. unseren Datenspuren. Revolutionär mag das sein – nicht für die Welt, wohl aber für die Firmen, die damit Geld verdienen.

Früher:
Mixtape
Heute:
Spotify
Ein gutes Mixtape war das beste Geschenk, das man mir machen konnte. Damit konnte ich neue Musik entdecken und förmlich hören, mit wie viel Zuneigung und Sorgfalt die Schenkerin die Stücke ausgesucht hatte.
Für ein gelungenes Mixtape braucht es zu Beginn ein paar Songs, die einem ein gutes Gefühl geben. Dann dürfen ruhig ein paar sperrigere Stücke folgen, die man erst nach mehrmaligem Hören knackt, und schliesslich braucht’s noch ein paar leichtere Stücke, um die Seite zu beenden. Es gilt also, die verbleibende Zeit im Auge zu behalten – das Outro des letzten Songs sollte möglichst mit dem Ende des Magnetbandes zusammenfallen.
Das macht ein Mixtape zu einer eigenen Kunstform. Um einen ausgewogenen und runden Mix zu erreichen, muss man der Bibliothekar seiner eigenen CD-Sammlung sein: Welches Stück hat einen ähnlichen Streicherpart, mit dem ich an das vorangegangene Lied anschliessen kann? In welchem Song kommt auch noch ein Hund / Geburtstagskuchen / Flughafen vor?
Ganze freie Nachmittage lang feilte ich an einem Mixtape. Das vielleicht erste brachte ich als Geschenk an die Geburtstagsparty von Simone mit. Ich hatte Alf-Songs aufgenommen. Die TV-Serie um den Ausserirdischen, der bei einer US-amerikanischen Familie strandet und ständig deren Katze essen will, hatte Kultstatus. Beim Flaschendrehen im Partykeller küssten wir uns. Dass sie nicht viel von meinem Mixtape hielt, war nebensächlich.
Natürlich habe ich später auch andere Dinge auf Kassetten aufgenommen: die Hitparade im Radio (aufgepasst auf Verkehrsmeldungen und die Nachrichten), ein Album, das die Eltern nur auf Vinyl hatten, wie die Kinder sprechen, wenn sie klein sind.
Vor jeder Reise, zwischen Kofferpacken und Abfahrt, nahm ich ein Mixtape als Soundtrack auf. Die meisten davon habe ich verschenkt oder verloren, aber die, die noch da sind, stehen auf einer Stufe mit den Fotos jener Reise.
Früher, als man noch Musikalben am Stück hörte (und nicht einzelne Songs streamte), war ich überzeugt, dass immer das sechste Lied das stärkste der Platte sei. Meiner Liebsten habe ich ein Tape mit den besten sechsten Stücken meiner Sammlung gemixt.
Mixtapes taugen auch für Literatur. Was für Vinyl-Fans «High-Fidelity» von Nick Hornby ist, sind für die Kassetten-Kommune die Memoiren «Love is a Mixtape» von Rob Sheffield. Der Rolling-Stones-Redaktor schreibt darin über die Wochen nach dem überraschenden Tod seiner Frau. Er verlässt die Wohnung kaum noch und findet in der Nacht nicht in den Schlaf. Stattdessen hört er die Mixtapes, die ihm seine Frau aufgenommen hat und erinnert sich an die Zeit mit ihr.
Von einer Spotify-Playlist kann man nur den Link versenden. Musikerinnen und Musiker erhalten pro Stream 0,003 Rappen. Im Jahr 2023 hat Spotify-CEO Daniel Ek mit unserer Liebe zur Musik 311 Millionen Franken verdient. dst

Früher:
Zetteli
Heute:
SMS
«Schau mal, was ich im Estrich gefunden habe», sagt meine Mutter und hält mir eine Schachtel entgegen. Den Deckel ziert ein Design, das an eine Javalampe erinnert. Ich öffne sie: Die Schachtel ist gefüllt mit unzähligen Zetteli, manche davon sind auf die Grösse eines XS-Post-its gefaltet. Analoge SMS, geschrieben in den Schulstunden der Achtzigerjahre, weitergereicht von Pult zu Pult.
Ich beginne im vergessenen Schatz zu kramen, öffne muffig riechendes Zetteli um muffig riechendes Zetteli – und hey, auf die Macht der Erinnerung ist Verlass: Vor dem inneren Auge steigt das Bild des Oberstufenschulhauses auf und der versammelten Herren Lehrer, die sich Morgen für Morgen vor der Fensterfront im langen Gang postierten. Die meisten trugen Kittel, die einen blaue, wie Schulhausabwarte, die anderen weisse, wie Hausärzte. In den Taschen hatten sie die Kreide verstaut, mit der sie gleich die Regeln des Subjonctif an die Wandtafel kritzeln würden oder den Satz des Pythagoras.
Da war der Geometrielehrer, wir nannten ihn Fou. Er liess jeweils seinen Schlüsselbund über den polierten Boden schlittern. Zu wessen Füssen er landete, hatte ihn aufzuheben und das Schulzimmer aufzuschliessen.
In Fous Stunden war es nicht angeraten, Zetteli zu schreiben, entdeckte er eine, die die Botschaft unter dem Pult weiterreichte, zögerte er nicht, die Exzenterscheibe, die er zwecks Erklärungen zum Hebelgesetz in der Hand hielt, wie einen Frisbee Richtung Unbotmässige zu werfen.
Da war der Biolehrer mit den würfelförmigen Schneidezähnen, der mich zuhinterst neben das Anatomieskelett setzte, wo ich weder zur Rechten noch zur Linken Gschpändli hatte, aber dennoch jedes Mal die Schuldige war, wenn eine den Mund nicht halten wollte.
Ansonsten beachtete er mich nicht. Das gab mir Gelegenheit, in seinen Stunden auf jede Unterlage zu schreiben, derer ich habhaft werden konnte: auf Löschpapier, auf Seiten, die ich aus dem Aufgabenbüechli riss, auf Super-Bazooka-Kaugummipapierli. Schliesslich bot das Leben gerade sehr viel Stoff.
Kurznachrichten sind das allerdings nicht, die ich mehr als vierzig Jahre später entfalte. Ich lese Liebesromane, Ratgeber, Abhandlungen über Stärken und Schwächen. Auf den bis ins letzte karierte Häuschen beschrifteten Zetteln werden Beziehungen kommentiert, die sich anbahnen: «Ds’ Blödä isch, dass dr’ L. scho zwöimau a dr’ R. het Fröid gha, aber sie hets nid gmerkt. Jetzt dänkt er viellicht, es heig ke Sinn meh.» – «We sie wott, dass öppis wird, muess sie’s ihm haut chli zeige.»
Wird vom Glück einer jungen Liebe geschwärmt: «Ig ha mis Schätzeli gseh, bi schön happy.» Gibt es grosszügige Verzichtserklärungen: «Wenn du öppä Fröid a ihm hesch, bruchsch de nid uf mi zluege.» Oder Ratschläge: «Du verschtifsch di eifach so druf, sie überzcho, und überchunsch sie wäge däm erscht rächt nid.»
Auf einem der Zetteli werweisse ich, ob ich meinem Schwarm gestehen soll, dass er mir gefällt. Was, wenn er den Brief seinen Kollegen zeigt?, frage ich meinen besten Freund. Er antwortet: «Schrib doch de im Brief, er söu niämerem öppis säge vo däm Brief.»
So einfach!
Ich falte die Zetteli wieder zusammen, lege sie in die Schachtel und obendrauf den Javalampendesign-Deckel. Die Zeitreise, die ich in den vergangenen Stunden unternommen habe, wird noch eine Weile nachhallen. baz
Früher:
Passenger Name Records
Heute:
Chat
1988 begann ich bei der Swissair meine Lehre als Luftverkehrsangestellter. In Flughafennähe aufgewachsen, der Vater ein Airliner durch und durch, waren mir Kerosingeruch und Alpha, Bravo, Charlie aus dem Luftfahrtalphabet schon als Kind vertraut.
Mit einem Freund baute ich aus Lego Cockpits nach und spielte Pilot. Abends drehte ich an meinem leuchtenden Globus und malte mir aus, wohin überall ich reisen würde.
Als ich die Lehrstelle bekam, hatte ich endlich das Ticket für meine (Reise-)Träume in der Tasche. Ich wurde Mitglied der «Swissair-Familie». Dort spürte ich schnell, wie stolz alle waren, Teil der nationalen Airline zu sein: ob Mechaniker, Check-in-Mitarbeiterin oder «Päcklitschutter», wie einige die Flugzeugbelader scherzhaft nannten.
Der Umgang war freundlich und hilfsbereit. Bald kannte ich Kolleginnen und Kollegen, die in Montreal, Johannesburg oder Hongkong im Einsatz waren. Wir Luftverkehrslehrlinge durften nach der Ausbildung eine Zeitlang in Frankreich, Belgien oder England arbeiten.
E-Mails und digitale Chat-Formate gab es damals freilich noch nicht. Dennoch blieben die Swissairler selbst über weite Distanzen in Kontakt. Für manche Mitarbeitende gab es dafür eine günstige und nicht ganz offizielle Lösung: Man kommunizierte über einen fiktiven «Passenger Name Record».
Diese PNRs sind nichts anderes als elektronische Dossiers, die für die Passagiere angelegt werden: mit Namen, Flugnummer und Buchungsklasse. Im Abschnitt «Notizen» konnte man zudem freie Texte formulieren, um beispielsweise auf Wünsche des Fluggastes hinzuweisen.
Wir «Stifte» erfuhren schon in den ersten Monaten, dass viele Angestellte diese PNRs für private Zwecke nutzten, indem sie fiktive Flugbuchungen anlegten und die Notiz-Funktion zum Chatten brauchten. Das Einzige, was man benötigte, war ein Login zum Reservationssystem.
So ging es nicht lange, bis auch wir solche Fake-Dossiers anlegten. Unter den Notizen schrieben wir, wie wir das Wochenende verbracht hatten, oder diskutierten, ob wir gemeinsam unsere «Oberstifte» in London besuchen wollten. Teils wurden diese PNR-Chats wieder gelöscht oder verwaisten, in anderen entstanden Freundschaften oder entspannen sich gar Liebesbeziehungen.
Ich bin mir sicher, dass so manche Ex-Swissairlerin noch einen ausgedruckten PNR in einer Erinnerungskiste aufbewahrt – und beim Durchlesen von den guten alten Swissair-Zeiten träumt. hz

Früher:
Poesiealbum
Heute:
Ich scrolle durch den Messenger und suche die Nachricht, die mein Leben verändert hat. Geschrieben am 24. Juni 2011. Das Datum weiss ich noch genau, denn meine Frau hatte damals Geburtstag. Nur war sie damals noch nicht meine Frau.
Das war vor 14 Jahren. Schon damals schrieben wir uns nicht etwa Briefe, sondern tauschten uns über den Facebook-Chat aus. Sagen wir es geradeheraus: Soziale Medien sind ein alter Hut. Facebook wird dieses Jahr 21 Jahre alt, Linkedin 22, und auch X ist letztes Jahr erwachsen geworden. Vor allem aber machte Facebook das Schliessen von Freundschaften in keiner Weise besser. Nur schneller: Neu wurden Freundschaften per Knopfdruck besiegelt. Zack.
Früher schrieb und zeichnete ich zu diesem Zweck stundenlang und hochkonzentriert in Poesie- oder Freundealben. Ich notierte, dass mein Lieblingsessen Spaghetti mit Tomatensauce sei, dass ich einmal Eishockeygoalie werden wolle und dass mein Idol Reto Pavoni ein ebensolcher war. Ich schmückte die mir zugewiesene Seite mit wilden Fussballszenen und klebte aus dem «Bravo Sport» ausgeschnittene Bilder meiner Lieblinge hinzu.
Poesiealben sind nicht nur ein romantischerer Ausdruck von Freundschaft, sie altern auch besser als ihre digitalen Pendants. Die Bücher lagern in Umzugskisten auf Estrichen, und während die Haare ihrer Besitzer weisser werden, vergilbt die Schrift. Wenn sie dann ein letztes Mal hervorgeholt werden, wird zu ihrem Abschied herzhaft gelacht.
Meine Facebook-Kontakte hingegen sind für alle Ewigkeit auf riesigen Datenservern abgespeichert. Während all der Jahre, in denen ich diese Freundschaften im realen Leben mehr oder weniger gut pflegte, stiegen Werbetreibende und Politiker auf meinen digitalen Estrich, steckten ihre Nase in meine digitalen Poesiealben und klaubten heraus, was für sie nützlich war.
Und doch bin ich ambivalent bezüglich Sozialer Medien. Denn ohne Facebook wäre meine Frau kaum zu meiner Frau geworden. Oder etwa doch?
Nun durchforste ich also meine digitale Vergangenheit. Und finde kaum sorgfältig und kreativ verfasste Einträge, die mich in Erinnerungen schwelgen lassen. Vielmehr fühlt es sich an, als wäre ich ein Stalker.
Auf meinem Profil betrachte ich ein Foto eines unaufgeräumten Hotelzimmers während des Jungs-Kurzurlaubs in Madrid. Ich entdecke einen Hinweis auf meine schlechte Laune beim Lernen in der Bibliothek. Und lese den Kommentar eines Freundes zu einem Foto von mir: Mein wilder Dreitagebart mache sich in Vorstellungsgesprächen schlecht. Danke dafür!
Schliesslich finde ich auch, wonach ich suche: die Nachricht, die dafür sorgte, dass meine heutige Frau und ich uns erstmals privat trafen.
Auf Facebook befreundet waren wir zu diesem Zeitpunkt etwa ein Jahr. Wir hatten uns an einem Schwingfest kennengelernt, für das wir beide als Reporter für eine Lokalzeitung tätig waren. Wenn wir heute über diesen nasskalten Tag reden, dann gehen die Erinnerungen auseinander: Wir frotzeln dann etwa darüber, wer von uns den Kafi Luz organisierte, der die Stimmung hob.
Die erste Nachricht auf Facebook hingegen haben die Server für die Ewigkeit aufbewahrt. Sie lautete: «Hey, happy birthday! Immer no sportjournalistin? Grüess andres» An romantischen Worten lag es also kaum, dass wir uns fanden. Aber vielleicht war gerade diese Niederschwelligkeit der neuen Medien ein Türöffner. Die Antwort meiner Frau ist übrigens nicht mehr aufrufbar. Sie hat Facebook schon vor Jahren verlassen. eba

Früher:
Föteli
Heute:
Selfies
Über dreihundert Selfies hat sie innerhalb von neunzig Minuten gemacht. Das sind, überschlage ich rasch, drei Fotos pro Minute. Begeistert erzählt sie mir von ihrem Besuch im «Selfie»-Hotel, in dem «Gäste» sich in verschiedenen «Zimmern» perfekt in Szene setzen können.
Meine Schwester ist fotogen. Sie lässt sich gerne ablichten. Mir dagegen sind Selbstporträts ein Graus. In der Fotogalerie meines Mobiltelefons finden sich zwar ein paar Selfies. Entweder habe ich es aber geschafft, bei der Aufnahme mein halbes Gesicht abzuschneiden, oder ich starre merkwürdig angestrengt in die Kamera. Wehmütig denke ich zurück an die Zeit, als die Selbstinszenierung etwas Besonderes war.
Plötzlich bin ich wieder 17 Jahre alt, mein Herz klopft bis zum Hals. Meine Hand zittert, sie hält einen Briefumschlag, er kommt aus dem Wallis. Wenige Wochen zuvor habe ich im Internet Bekanntschaft geschlossen mit einem jungen Mann. Unzählige Chatnachrichten haben wir hin und her geschrieben, nur wissen wir beide noch nicht, wie der andere aussieht.
Ich reisse das Couvert auf. Heraus fallen ein von Hand beschriebenes Blatt Papier und zwei quadratische, wenige Zentimeter grosse Schwarzweissaufnahmen. Keck blickt er mich an, ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Er hat gewellte, kurz geschorene Haare, eine auffällig hohe Stirn.
Kurz darauf treffen wir uns in Bern. Er zeigt mir den Bärengraben, den Rosengarten, wir flanieren eng umschlungen der Aare entlang. In der Altstadt gehen wir ins Kino und quetschen uns danach in eine dieser engen, heruntergekommenen Kabinen eines Sofortbild-Automaten. Vier grelle Blitze für Fünf-Franken-Romantik. Verliebte Blicke auf überbelichteten Papierstreifen.
Vor hundert Jahren wurde am New Yorker Broadway die weltweit erste Photokabine aufgestellt. Sie steht längst nicht mehr dort. Auch in der Schweiz wurden die Photoautomaten ab 2004 sukzessive abgebaut, las ich vor einer Weile im «Sonntagsblick». Klar, wer gibt sich schon mit Schwarzweissfotos zufrieden, die nach Schwefel stinken? Meine Schwester jedenfalls nicht. Sie macht in einer Minute drei Selfies. jow

Früher:
Fotoalbum
Heute:
Ich war etwa zehn Jahre alt, als ich um die Jahrtausendwende begann, mit einer bunten Plastikkamera meinen Alltag zu dokumentieren. Ich fotografierte meine Eltern beim Herumalbern, meinen ernst in die Kamera blickenden Grossvater, meine Schwestern, meine Freunde, den Weihnachtsbaum, den Hund einer befreundeten Familie und die Modellzüge, -schiffe und -brücken im Tessiner Freiluftmuseum Swissminiature. Stoppen konnte mich nur der Film in meiner Kamera, der irgendwann fertig war.
Perspektive und Lichtverhältnisse der entwickelten Fotos lassen zu wünschen übrig. Dennoch gestaltete ich mit ihnen mein erstes Fotoalbum. Ergänzt habe ich es mit Aufnahmen, die andere von mir gemacht haben, etwa bei meiner Taufe oder beim Übertritt vom Kindergarten in die Primarschule.
Und natürlich durfte auch ein Bild vom Hund meiner italienischen Grosseltern nicht fehlen. Es zeigt Chicco in seinem Sessel, vor ihm liegt einer seiner vielen zerkauten Tennisbälle. Um möglichst keinen Hundespeichel abzubekommen, hob ich die Bälle jeweils nur mit zwei Fingern auf, wenn ich sie werfen wollte. Es sind schöne Erinnerungen.
Fertig wurde mein Album nie. Die letzten Fotos stammen aus der Teenagerzeit. Bereits damals hatten Digitalkameras die analoge Hobbyfotografie abgelöst. Statt Bilder entwickeln zu lassen, konnte man sie auf der Festplatte speichern. Die Menge der Bilder nahm zu. Wer machte sich schon die Mühe, einen Teil davon nach den Ferien auszusortieren? Etwa zur selben Zeit tauchten die ersten sozialen Netzwerke auf, die als digitale Fotoalben konzipiert sind.
In seinen Anfängen glich Facebook meinem Fotoalbum durchaus – chaotisch zusammengewürfelte Fotos von zweifelhafter Qualität, die aber irgendwie authentisch sind. Sechs Jahre später trat Instagram seinen Siegeszug an. Die Plattform räumte den Fotografien einen noch grösseren Stellenwert ein als Facebook und machte es von Anfang an einfach, sie zu bearbeiten. Mittlerweile sehen selbst Amateurfotos auf Instagram aus, als hätten Profis sie gemacht.
Damit hat Instagram das Rad der Zeit gewissermassen noch weiter zurückgedreht – in die Zeit vor meiner Plastikkamera. Was ich auf der Plattform sehe, hat mit meinem Fotoalbum kaum noch Ähnlichkeit, wohl aber mit den traditionellen Familienalben. Schon für diese galten strenge Kriterien, was die Wahl der Fotos angeht. Wie das Instagram-Profil mussten auch sie als Visitenkarte dienen können, wenn Besuch kam. pef









