Die schlechteste aller möglichen Welten
von Lukas Linder
Es war früh am Morgen. Der Himmel war grau und im Fernsehen lief kein Skirennen. Da beschloss ich aus einer Laune heraus, die Welt zu erschaffen. «Jetzt gleich, sofort!» Noch im Pyjama machte ich mich ans Werk. Aber halt, rief ich mich zur Ordnung. Erinnere dich, wie das bei deinen anderen kreativen Sololäufen war. Sind sie dir beim ersten Mal nicht allesamt missraten? Dein erstes Risotto? Ungeniessbar. Deine erste Laubsägeliarbeit? Unzeigbar. Deine erste Kolumne für das bref Magazin? Unlesbar!
Beim ersten Mal geht alles schief. Der Druck des Gelingenmüssens lastet auf dir, weshalb du panisch irgendetwas machst. Hauptsache, es ist bald vorbei. «Was ist das?», fragte deine Mutter, als du deine erste Bastelarbeit nach Hause brachtest. Bald wurde der Satz zum Leitmotiv deiner kreativen Karriere, die sich als eine Abfolge von Kuriositäten gestaltete. Gewährt man dir hingegen eine zweite Chance, beweist du dein wahres Talent. Denn nun kannst du im Schatten deines Unvermögens operieren, das hier gleichsam als Schutzschild dient, als schlechtes Beispiel, als lächerliches Original, dagegen die Kopie nur gewinnen kann.
Jetzt also die Welt. Du wirst nicht den gleichen Fehler wie damals machen, als du deine Frau zum Geburtstag mit einem Porträtbild überrascht hast. Du wirst eine mutwillig verkorkste Welt erschaffen, die als Parodie deiner Fehler und Schwächen die Last der Aufgabe von deinen Schultern nimmt, auf dass du dein Werk beim zweiten Mal umso meisterhafter vollbringen wirst.
Ich machte mich sofort an die Arbeit. Der Schweizer Finanzplatz war schnell erschaffen. Ebenso der Kafi Luz und die Radlerhose. Mit Verve erstellte ich nacheinander die Klimaerwärmung, den Steuerbescheid und ein Bootshaus für Roger Federer. An letztem wollte ich meine Arche einschiffen lassen, von der die unsinnigsten Kreaturen, die man je gesehen hatte, von Bord gingen: die Wespe, beispielsweise, der Schlitzrüssler oder ein halbes Güggeli.
Ich betrachtete mein Werk. Und ich sah, dass es schlecht war. Doch eine Sache fehlte noch. Und so schuf ich, quasi als Krone meiner Arbeit, Donald Trump, der diese missratene Schöpfung besser als jeder andere regieren sollte.
Dann war ich fertig. Was für ein Horror! Ein Glück, dass ich mich nun an die eigentliche Arbeit machen und die beste aller möglichen Welten erschaffen konnte, in der es nichts als Glück und Güte gibt. Die Menschen achten nicht nur ihresgleichen, sondern auch die Natur. Mit dem Auto fahren sie nur einmal im Monat und dann auch nur, um ihre Bekannten auf dem biodynamischen Hof zu besuchen. Alte und Kinder werden götzengleich verehrt. Das gilt übrigens auch für Schriftsteller, zu deren Lesungen die Menschen scharenweise pilgern. Sie treten auch in Werbungen auf und empfangen illustre Gäste in ihrem Bootshaus am Zürichsee – Moment! Was ist das? Auf SRF2 läuft gleich Kunstturnen, der Swiss Cup in Zürich?
Die beste aller möglichen Welten muss noch ein Weilchen warten.
Lukas Linder ist Autor von Theaterstücken und Romanen und schreibt für das bref Magazin die Kolumne «Linder liest». Er lebt in Polen und der Schweiz.

Aller Anfang ist das Wort
von Olivia El Sayed
Ich weiss nicht, ob man das so sagen kann, aber vielleicht passiert Schöpfung immer dann, wenn sich in einem gewissen Moment die Welt in ein Davor und ein Danach teilen lässt.
Während eines Menschenlebens geschieht dies einige Male. Am offensichtlichsten mit der eigenen Geburt: Davor gab es für dich nichts. Danach bist du überhaupt erst hier. Und dann – je nach persönlichem Empfinden viele oder wenige Schicksalsschläge und Meilensteine später – passiert etwas Vergleichbares nochmals, wenn man selbst ein Kind bekommt. Davor weiss man nicht, wie es sein wird. Danach kann man nie mehr wissen, wie es ohne wäre.
Was wurde ich zur Geburt meines ersten Kindes mit Ratgebern beschenkt! Tipps, Tabellen, Tatütata. Was für ein Unsinn! Selten hatte ich weniger Zeit zum Lesen als mit diesem neuen, kleinen Bündel Leben in den Händen. So war es wie von allein dieser schlaflose, menschgewordene Zauber selbst, der sich als klügster Ratgeber entpuppen sollte. Die Art, wie das Kind sprechen lernte, öffnete mir in vielerlei Hinsicht die Augen.
Bis zu seinem ersten Wort jedoch verbrachte ich unzählige Stunden, Wochen und Monate mit ihm und beobachtete es. Es gurrte und quietschte, lachte, schnarchte und gluckste, es weinte und fiepste. Oft war es still. Ich interpretierte Gesichtsausdrücke und lernte, Zeichen zu lesen und Bewegungen zu deuten. Wie lange es in dieser doch so intensiven Zweisamkeit keine kindlichen Worte gibt, hatte ich mir davor gar nie überlegt. Da war immer nur meine Stimme: besänftigend und mahnend, erklärend und erzählend, singend und summend.
Ich wurde zunehmend ungeduldiger, am meisten, wenn das Kind krank war. So gern hätte ich endlich gewusst, wie und wo es denn tatsächlich wehtut und vor allem: was denn nun am ehesten zur Linderung beitragen könnte. Aber da war nur ein heisses Köpfchen, ein verzerrtes Gesichtlein und vermuteter Schmerz. Bitte nur ein Wort, das aus meinen geflüsterten Monologen einen Austausch machen würde. In einem solchen Moment merkte ich, dass der eigentliche Anfang von allem das Wort ist.
Es passiert in harten, einsamen Zeiten. Dass aus dem Kloss im Hals ein Stein wird, der sich einlagert. Eine Verhärtung aus nicht gesagten Sorgen und unerfüllter Sehnsucht, und wenn man nicht aufpasst, verschluckt man sich an der eigenen Wortlosigkeit – und manche Erwachsene ersticken gar daran. Auch hier rettet aus allem Spekulieren und Abwägen und Raten das erste Wort. Es ist der Anfang des Konkretmachens eines Gedankens, der plötzlich Form und Ton annimmt und somit zu etwas wird, was einen dem Gegenüber erst zugänglich macht. Wer nichts sagt, wird nicht gehört. Wer sich nicht mitteilt, dem kann nur bedingt geholfen werden.
Es tut weh.
Das war ich.
Es ist vorbei.
Ich habe gelogen.
Ich fühl mich allein.
Worte über die Lippen zu bringen, ist nicht immer einfach, aber sie sind immer eine Tür in einen neuen Raum, im Idealfall mit Fenster und Ausblick.
Als sie sich endlich zu formen begannnen, schrieb ich all die ersten Worte mit. Ganz zu Anfang gab es nur Da und Da o. Damit konnte das Kind überall hinzeigen, wo sich etwas befand, und mitteilen, ob es von der Sache mehrere gibt. Da (war ein Stern) und da o (noch einer)!
Sein Leben unterteilte sich durch seinen Zwei-Wort-Schatz bald in Dinge, die da und da o waren, und in Dinge, die eben dies nicht waren. Letzteres wurde weniger mit einem Geräusch, sondern viel mehr mit einer schulterzuckenden Geste mitgeteilt, bei der das Kind seine Arme in W-Form nach oben drehte und dazu ein Nä-ä von sich gab.
Bezeichnend hierfür war ein Nachmittag, an dem wir das Kind ins Naturhistorische Museum nahmen. Dort wurde ein kurzer Film über eine Igelfamilie gezeigt und darüber, wie sie sich im Holz Unterschlupf sucht. Es verstand den Film als Aufforderung zu kommentieren: Mit Da! und Da o! wenn die Igel im Bild waren. Und mit Nä-ä, wenn sie wieder verschwanden. Da im Film nichts anderes als eben dies passierte und das Kind zunehmend lauter und aufgeregter wurde, entschieden wir uns, das kleine Kinderkino frühzeitig zu verlassen, da sich alle nach uns und dem Kind mit den W-Armen umdrehten.
Dabei hatte das Kind natürlich recht mit seiner Beobachtung und damit schon sehr viel verstanden: Es gibt Dinge oder es gibt sie nicht. Und wenn sie da sind, sollten wir uns freuen, dass dem so ist. Wir wissen nie, ob sie wiederkommen. Und wenn sie es plötzlich nicht mehr tun, unterteilt sich die Welt in zwei Teile: in ein Davor und in ein Danach. Und welches Davor auch immer zu Ende gehen mag, macht es auch immer Platz für ein Danach, das die Möglichkeit birgt auf einen neuen Raum, im Idealfall mit Fenster und Ausblick.
Olivia El Sayed schreibt als selbständige Freelancerin, ist Spoken-Word-Künstlerin und Teil der Autorinnenwerkstatt Atelieer.
Ein Ideen-Rezept
von Reeto von Gunten
Um eine Idee zu haben, braucht es Langeweile, Aufmerksamkeit und etwas Mut.
Die Langeweile ist uns abhandengekommen, seit wir alle dieses Ding mit uns rumtragen. Smartphones haben die Langeweile ausradiert: Jedesmal, wenn sie aufzukommen droht, haben wir einen Screen zur Hand, der uns Ablenkung verspricht. In kleinen, erschreckend präzise auf unsere Vorlieben zugeschnittenen Häppchen, vermeintlich leicht verdaulich und immer und überall sofort zur Stelle.
Das scheint im ersten Moment praktisch, weil es uns die Zeit verkürzt, die wir sonst gelangweilt hätten verbringen müssen. Zudem gibt diese Art Zeitvertreib nichts weiter zu tun. Alles wunderbar, also. Nur ist dies genau das Gegenteil von smart, weil: Wir brauchen die Langeweile. Erst, wenn wir sie zulassen, uns ihr geradezu ausliefern und sie aushalten, entsteht jenes Vakuum, das wir, quasi automatisch, mit eigenen Gedanken zu füllen beginnen. Wenn nichts von aussen kommt, erschaffen wir es von innen.
Aufmerksamkeit braucht Zeit und Übung. Würden wir allein schon unseren täglichen Arbeitsweg ohne äussere Ablenkung zurücklegen, würden uns tausend Gedanken durch den Kopf schiessen, weil wir plötzlich mit der Banalität des Alltags konfrontiert wären. Doch gerade dort, im vermeintlich Belanglosen, finden sich die interessantesten Beobachtungen: die Frisur, die einer Waldhütte gleicht. Der Bauer, der seiner Kuh nachrennt. Der Kaffeeschaum, der ein Gesicht in den Kartonbecher zeichnet.
Wer die Gegenwart in seiner Umgebung beobachtet, findet unzählige Eindrücke, aus denen, mit etwas Übung, auch eigene Ideen entstehen können. Ein architektonischer Wurf. Eine kulinarische Revolution. Eine künstlerische Inspiration. Je öfter wir unsere Beobachtungen zulassen, desto besser können wir mit ihnen umgehen, sie einordnen und, im besten Fall, zu unserem eigenen Vorteil nutzen. Oder – was genauso wertvoll ist – sie einfach nur geniessen.
Das braucht auch Mut. Denn nicht jede Idee, die aus einer Beobachtung entsteht, ist ein Businessplan mit Funktionsgarantie. Die meisten sind sogar genau das Gegenteil: eine wichtigtuerische Nichtigkeit, die sich gross aufspielt, aber bald wieder verpuffen wird. Spätestens wenn wir eine neue Idee weiterverfolgen, stellen sich Hindernisse in den Weg, die wir so nicht haben kommen sehen: Aus Haaren kann man keine Häuser bauen, rennende Kühe ergeben zähes Fleisch, Kaffeeschaum lässt sich nicht lange konservieren. Dann neigen wir dazu, zu tun, was wir schon immer taten, wenn unsere eigenen Ideen in Bedrängnis gerieten: Wir kopieren. Von dort, wo etwas Ähnliches schon geklappt hat.
Kopieren ist prima. Immer vorausgesetzt, dass wir die Vorlage durch eigenes Zutun verbessern. Das braucht Mut, ist es aber wert. Denn egal, was auch immer am Ende rausschaut: Dachziegel aus Pferdehaar, Morgenturnen auf dem Bauernhof oder Suppen mit Rahmkarikaturen – wenn es nicht revolutionär ist, ist es wenigstens etwas Eigenes. Es kommt von innen und ist aus Langeweile, Aufmerksamkeit und Mut entstanden.
Reeto von Gunten ist selbständiger Autor und Künstler, mit seinen Lesungen schweizweit auf Kleinkunstbühnen unterwegs und die Stimme des Sonntagmorgens auf SRF3.

Vom Anfang der Träume
von Julia Steiner
Ich bin Mutter. Aber nicht irgendeine – nein –, ich bin eine pinke Einhornmutter und meine Kinder sind kleine farbige Drachen. Einen Vater gibt es nicht. Zumindest fehlt von diesem jede Spur, und wenn ich so darüber nachdenke, kann ich mich nicht erinnern, mal mit einem Regenbogen-Drachen intim geworden zu sein. Die Drachenkinder sitzen friedlich auf meinem Rücken und wir reiten über die Wolken in Richtung Süden. Ich weiss nicht, ob es wirklich Süden ist. Es wird jedenfalls immer wärmer. Ich habe Angst, dass wir in die Sonne reiten und ich verbrenne. Das wäre schade. Ich kenne meine kleinen Babys doch erst zwanzig Sekunden. Sie als Drachen hätten wohl keine Probleme mit der Hitze, aber ich, ich würde bestimmt draufgehen. Und dann würden meine Babys ohne Vater und ohne Mutter aufwachsen.
Ich überlege mir kurz, umzukehren. Aber die Kleinen wollen in Richtung Süden. Und ich bin ja noch nicht so lange Mutter. Und ich will ja auch nicht diese Art von Mutter sein, die ihren Kindern das Gefühl gibt, dass sie selbst keine guten Entscheidungen treffen können. Also reiten wir weiter. Die Wolken tun sich unter meinen Hufen auf und es regnet zu uns nach oben. Angenehm kühl, diese Wassertropfen auf meinem Fell. Die Sonne scheint nicht näherzukommen. Also doch nur Süden. Die Landschaft kommt mir bekannt vor. Ich glaube, wir sind in Italien.
Manchmal frage ich mich, wie sich wohl der erste Mensch gefühlt haben muss, als er zum allerersten Mal geträumt hat. Ich stelle es mir schrecklich vor. Im Traum vom Tiger gefressen, während man im Alltag tatsächlich von einem Tiger hätte gefressen werden können.
Vielleicht dachte er sich auch, er wäre Gott. Unsterblich. Tot und dann wieder lebendig. Wie hätte er auch wissen sollen, dass das, was er gerade im Traum erlebt hatte, nicht der Realität entspricht? Woher sollte er wissen, was Realität überhaupt bedeutet? Und wenn er im Traum den Tiger mit blossen Händen bezwungen hätte, könnte er denken, dass er das nun im richtigen Leben auch kann, weil er ja gar nicht weiss, was das richtige Leben ist. Und dann würde er tatsächlich gefressen werden.
Ist das natürliche Selektion? Die, die nicht träumen, überleben? Bis dann irgendwann der Mensch so weit entwickelt war, dass er nicht mehr täglich von Tigern gefressen wurde. Fortan konnte sich das Träumen wie eine Seuche durch die Gesellschaftsschichten hindurchkämpfen, bis es normal war, dass alle träumen. Auch wenn sich einige nicht an ihre Träume erinnern.
Ich gehöre zu jenen, die sich fast jeden Morgen an ihren Traum erinnern. Manchmal schreibe ich ihn auf. Manchmal halte ich ihn fest oder versuche, ihn sofort wieder zu vergessen. Manchmal bespreche ich ihn mit meiner Therapeutin und probiere herauszufinden, was er bedeutet. Ob er überhaupt irgendetwas bedeutet. Ob ich mir Sorgen machen sollte.
Ich frage mich, was zuerst da war – der Traum oder die Realität? Und was bedeutet Realität? Braucht es nicht einen Traum, um zu wissen, was real ist? Beim Traum denken wir alle zu wissen, wovon wir reden. Etwas, das es halt nicht gibt. Unterbewusste Verarbeitung von Erlebtem und so. Aber Realität? Da streiten sich die Philosophinnen: Nichts ist wahr. Oder alles ist wahr. Oder nur die Hälfte. Keine Ahnung. Ich bin keine Philosophin. Aber ich finde, Träumen ist realer als die Realität.
Wer weiss, ob die Schöpfung der Erde nicht ursprünglich ein Traum des Universums war. Ein Traum, der so real erschien, dass das Universum am nächsten Morgen dachte, dass es tatsächlich eine Welt erschaffen hatte, und so leben wir alle in einem Traum, in dem wir träumen, geträumt zu haben.
Ganz schön komplexe Gedanken, in Anbetracht der Tatsache, dass erst 04:12 auf meinem Wecker steht. Ich drehe mich nochmals um.
Lecce. Apulien. Die Babys sind plötzlich kleine Einhörner. Und ich ein farbiger Drache. Es wundert mich nicht. Die Gestalten ändern sich halt, wenn man von den Wolken aufs Land wechselt. So ist das hier. In dieser Welt. Wer sie wohl erschaffen hat?
Der Kleinste hat gerade einen Tiger mit blossen Händen erlegt. Er hat Menschenhände. Natürlich. So ist das hier. Ich überlege mir kurz, ihm zu sagen, er solle nicht so nah an den Tiger rangehen. Das sei gefährlich. Aber ich bin ja noch nicht lange Mutter. Ich will ihm nicht das Gefühl geben, er könne keine guten Entscheidungen treffen.
Wer auch immer diese Welt erschaffen hat – der Tiger war es sicher nicht.
Julia Steiner ist Comedian, Kabarettistin, Slam-Poetin und Moderatorin.
Im Anfang war das Wort
von Patti Basler
Im Anfang war das Wort, so steht es in der Bibel. Und so schrieb ich es auf meine Flyer und Autogrammkarten. «Im Anfang war das Wort und dann kam Patti». Natürlich wollte ich damit auf mein wortmächtiges Schaffen hinweisen, darauf, dass ich ein wandelndes Wörterbuch sei. Den alten Boomer-Scherz: «Ein Mann: ein Wort – eine Frau: ein Wörterbuch» hört man nicht mehr so oft. Und doch hält sich dieses Klischee hartnäckig, obwohl Männer in der Öffentlichkeit, in Sitzungen, in geselligen Tischrunden sehr viel öfter das Wort ergreifen und es meist auch für lange Zeit nicht mehr weitergeben.
Mit einer, die viel spricht und diskutiert, kann man nicht viel anfangen auf einem Bauernhof, das musste ich früh lernen. Der frühe Vogel steht mit den Hühnern auf, und wer sich einen Bücherwurm einfängt, sollte lieber mit richtiger Arbeit anfangen, als dicke Schmöker zu wälzen. Anfänglich las ich am liebsten Michael Ende, der ein Buch mit vielen unendlichen Geschichten begann und die losen Enden meiner Phantasie überliess.
Der Zauber, der allem Anfang innewohnen soll, erschien mir allerdings immer eher als ein Fluch. Denn aller Anfang ist schwer. Wer dieses Sprichwort geschöpft hat, litt vermutlich an ADHS. Diese Fehlfunktion im Gehirn sorgt dafür, dass auch übermorgen nicht besorgt sein wird, was gestern schon möglich gewesen wäre. Back to the Futur 2.
Wenn ich einen Text beginnen sollte, tanzen Tausende Ideen durch die Synapsen, rufen Stimmen hervor, die sich streiten; jede möchte lauter sein und länger das Wort behalten als die andere. Das Chaos im Gehirn müsste von einer genialen Schöpferin zu einem Wörterkosmos geordnet werden. Doch da gibt es so viele Pfade, nicht nur matthäisch schmale und breite, sondern auch steile, verästelte, es gibt solche ohne Anfang und ohne Ende. Im Anfang steht bei mir nicht das Wort, sondern die Lähmung vor der Fülle. Ich stehe wie die sprichwörtliche Kuh am Berg. Obwohl ich doch aus dem Vollen schöpfen könnte.
Mit Druck und einer Deadline, die sich wie ein Strick um meinen Hals legt, gelingt es mir manchmal auf Anhieb, einen genialen Text zu generieren. Dann fühle ich mich ein bisschen wie Gott. In diesem Zusammenhang ist Gott kein generisches Maskulinum, sondern mehr ein maskulines Generikum – meiner selbst.
Obwohl Eva laut Bibel eine gemachte Frau sei, aus der Rippe Adams, quasi ein Spare Rib, scheint mir «Ursprung» an sich ein weibliches Konzept zu sein. Wir alle haben den Ursprung im Eisprung, wie die Kabarettistin Rebekka Lindauer sinnigerweise erwähnt. Die Eizelle wartet schon seit Beginn im Mutterleib, bevor die männliche Samenzelle überhaupt zum Leben erwacht. Eine Art Oval Office, erwartend, dass in regelmässigen Zyklen ein Spermium das Rennen macht. In diese Eizelle der Macht zieht nun ein verurteilter Straftäter ein. Das passt: Der gehört in die Zelle. Böse Zungen behaupten, er hätte bereits als Spermium in die Gummizelle gehört. Aber schon seine Eltern waren wohl gegen das Pariser Abkommen.
Selbst der Anfang des Neuen Testaments, die Entstehung des Christentums, kann einer Frau zugeschrieben werden. War es nicht Marias geniale Idee, einfach mal zu verkünden, dieses ungeplante Kind sei der Sohn Gottes? Jungfräulich empfangen, eine genetische Datenübertragung ohne Penetration, quasi per Air-Drop? So muss es den Digital Natives erklärt werden. Am Anfang des Lebens überträgt ein USB-Stick genetische Daten ins Mother-Board, um einen neunmonatigen Prozess im 3D-Drucker auszulösen.
Das biblische Konzept «Schöpfung durch Wort» findet sich auch in linguistischer Philosophie. So wird der Anfang einer Ehe als reiner Sprechakt besiegelt: «Ich erkläre euch zu Mann und Frau», welch kurioser Satz. Meist wissen ja die Beteiligten bereits, dass sie Mann oder Frau sind. Zumal es heute auch gleichgeschlechtliche Ehen gibt. Ehe der Sprechakt, die Erklärung von Standesbeamten oder Geistlichen, nicht getätigt wurde, hat der neue Zivilstand nicht begonnen.
Worte haben Schöpfungskraft. Gottes Wort hat laut Genesis die Macht, eine ganze Welt zu erschaffen, Himmel und Erde, Tag und Nacht, physikalische Grössen wie Raum, Zeit und Licht. «Es werde Licht! Fiat Lux!» sprach Gott am Anfang. Auf der Bühne füge ich augenzwinkernd an, das Tier mit dem ähnlich klingenden Namen, der Luchs, sei oft im Nahen Osten und in Europa heimisch. Hätte die Bibel ihren Ursprung in China, hiesse der Imperativ möglicherweise nicht «Fiat Lux», sondern «Fiat Panda». China steht ohnehin erst am Anfang seiner Schaffenskraft, da geht noch viel, arbeitskräftetechnisch schöpft man dort aus dem Vollen.
Aus dem Vollen zu schöpfen, meint Universalkünstlerin und Speed-Painterin Corinne Sutter, sei keine grosse Kunst. Wirkliche Kunst sei es, aus dem Leeren zu schöpfen. Etwas zu kreieren, wo vorher nichts war, zeige wahre Göttlichkeit.
Im Anfang war ein leeres Blatt.
Im Ende blieb ein erfülltes Wort.
Oder umgekehrt.
Patti Basler ist Satirikerin, Autorin und Kabarettistin.

Die Schöpfung, zweiter Versuch
von Christoph Simon
Und Gotte sah, dass es nicht gut war.
Sie sah Neid und Gier. Zorn und Hass. Stress und Gemecker. Sie sah hundemüde Menschen und menschenmüde Hunde. Sie sah einen Kirschbaum, in dem Krähen und Tauben einander die noch unreifen Früchte wegfrassen, aus Furcht, überhaupt keine Kirschen zu erwischen, wenn sie zu lange warteten.
Alles auf Anfang!, dachte Gotte und knüllte Himmel und Erde zusammen. Nochmal von vorn! Diese Schöpfung ist ja erst der Probelauf gewesen. Mein Experiment, um Erfahrungen zu sammeln. «Jedem Zauber wohnt ein Ende inne», rief sie unbekümmert, während alles Leben und Licht erloschen. «Tschüss Planet Erde, tschüss Testballon!»
Gotte ging ihre Notizen durch und wertete die gesammelten Daten aus. In der nächsten Schöpfung würde auf einen Sonntag ein weiterer Sonntag folgen. Die Stacheln der Seeigel wären stumpf. Staub würde sich nicht mehr von selbst vermehren. Laub dürfte niemals gebläsert werden.
Vor allem wenn Gotte an den Menschen dachte, erkannte sie Verbesserungspotenzial: Sein Wurmfortsatz war anfällig für Entzündungen. Seine Bandscheiben waren nicht geeignet zum Tragen von schwerer Last. Durch die Parallelführung von Nahrungs- und Atmungswegen konnte man sich verschlucken. Brustwarzen-für-alle war zwar fair, aber Ressourcenverschwendung.
Gotte hatte Lust auf die Kreation eines neuen Menschen, den sie rundum sympathisch finden würde: ein Mensch, mit dem alle anderen gern zusammen wären, auch Wölfe und Hühner. Ein Lebewesen mit klimaneutralen Passionen, mit ausgeglichenem Hormonspiegel und mit weniger doofen Gefühlen wie Ich-müsste-doch und Mist-wer-hat-mir-wieder-die-Waschmaschinengrundeinstellungen-verstellt. Ein Mensch, dem die Existenz mehr bedeutete als Erbschaften, Ersparnisse und Eigentumswohnung. Dem die Gegenwart nicht lediglich als Vorbereitungsphase für eine schönere Zukunft dienen würde. Ein auch anspruchsvolles Wesen mit Fussballkommentatoren, die nicht «Mannen» statt «Männer» sagen und bei jedem Tor «Was für ein Tor!» rufen.
Der neue Mensch!, dachte Gotte. Er soll Klänge sehen und Farben hören. Er soll in den Spiegel schauen und denken dürfen: «Doch, ich seh gut aus. Eine Sorge weniger.» Er soll nie einsam sein müssen – er soll bloss aufs Handy schauen, und schon schickt ihm jemand eine liebevolle Nachricht. Und wenn er auf einer öffentlichen Toilette nach dem Händewaschen in den Papierspender greift, möge es ihm gelingen, ein einziges Papiertuch herauszuziehen, nicht drei oder vier.
Und dann schuf Gotte abermals Tag und Nacht und Himmel und Erde, und kaum zum Leben erwacht, strebte der neue Mensch zum Licht und schaute verwundert in die Sonne. In Amerika umarmte der neue Mensch die Mammutbäume, statt sie zu fällen. Bei Sturmböen über Walzenhausen verzog er sich ins Gartenhäuschen und blickte beglückt hinunter auf die Bodenseeküste. War er von Berufs wegen Lehrerin oder Lehrer, dann brach er den Unterricht vorzeitig ab, um mehr Zeit mit den eigenen Kindern zu verbringen.
Das Leben war ihm nichts als köstliche Gegenwart und Genuss des Moments. Ohne Grausamkeit der Mitwelt gegenüber und ohne Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit.
Und die Krähen und Tauben? Sie warteten im Kirschbaum, bis die Früchte süss waren, dann teilten sie die Ernte.
Christoph Simon ist Gewinner des Salzburger Stiers 2018 und zweifacher Schweizer Meister im Poetry-Slam (2014 und 2015). Seine Romane und Texte sind in neun Sprachen übersetzt worden.


