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Autor: Mark Rittner
Illustraion: Sarah Weishaupt
Freitag, 08. September 2023

Isfahan, Ende September 2022

Es ist der falsche Moment für eine Hochzeit. Oder wie unser Fahrer sagt: «Eine heikle Zeit.» Mit dieser Bemerkung fordert er Bahar auf, ihren Hijab zu tragen. Bahar stöhnt demonstrativ auf und zieht ein Tuch über ihre pechschwarzen Locken, den viel zu transparenten Brautschleier. Einen solchen pinken Wagen fahre in ganz Isfahan nur er, rechtfertigt sich der Fahrer. Die Polizei könne ihn also mühelos identifizieren. Dann drohen Geldstrafen, Führerscheinentzug, Beschlagnahmung des Autos. Oder noch schlimmer, fanatische Basidschi, die Freiwilligenmiliz der iranischen Revolutionsgarden, demolieren das Fahrzeug.

Zwei Wochen zuvor ist die kurdische Iranerin Mahsa Amini in einem Teheraner Krankenhaus verstorben, nachdem sie in den Händen der Sittenpolizei gewesen war. Man hatte sie verhaftet und geschlagen wegen ihres «unangemessen getragenen Hijabs», der das Haar iranischer Frauen seit der islamischen Revolution verdecken soll.

Von den Aufständen, die sich daraufhin im ganzen Land gegen die Sittengesetze entluden und bei denen Frauen in aller Öffentlichkeit ihre Hijabs verbrannten, haben wir bisher wenig bemerkt. Das liegt wohl auch daran, dass Hunderte vermummte Sicherheitskräfte im Zentrum der Millionenstadt in Zentraliran patrouillieren, mit Schlagstöcken, Tränengasgranaten, Elektroschockern, Pistolen bewaffnet.

Vor einem Jahr begannen die Proteste gegen das autoritäre theokratische Regime der Islamischen Republik Iran. Auslöser war der Tod der 22jährigen Jina Mahsa Amini in Haft. Sie starb am 16. September 2022, nachdem sie wegen Verstössen gegen das staatliche Hidschab-Gesetz festgenommen und geschlagen worden war.

Die folgenden Demonstrationen waren die grössten und längsten seit Jahren. Der Staat schlug die Proteste mit Gewalt zurück. Mehr als 500 Personen wurden durch die Sicherheitskräfte getötet. Bis im März 2023 wurden Berichten nach 143 Menschen hingerichtet. Zehntausende junge Iranerinnen und Iraner landeten im Gefängnis.

Im Dezember 2022 schien es so, als hätte der Staat die berüchtigte Sittenpolizei kurzzeitig ausgesetzt, was wie ein stilles Entgegenkommen gegenüber den Demonstrantinnen aussah. Doch im Juli dieses Jahres verkündete das Regime, dass es das Tragen des Kopftuchs wieder auf der Strasse kontrolliert — offenbar durch Kontrolleurinnen und mithilfe von Erkennungssoftware.

Überwachungskameras sind in Iran beinahe flächendeckend installiert — an Kreuzungen, vor Läden, in Restaurants. Ladenbesitzer fordern zudem ihre Kundinnen auf, ihr Haar zu bedecken. Wohl meistens nicht aus Überzeugung, denn laut Expertinnen lehnen bis zu 80 Prozent der Iranerinnen und Iraner mittlerweile das Regime ab. Doch sie riskieren sonst gemäss einem neuen Gesetz die Schliessung.

Die strengen Bekleidungsvorschriften, die vor allem das Äussere von Frauen regeln, gelten in Iran seit der islamischen Revolution im Jahr 1979, als die Monarchie zugunsten einer islamischen Republik abgeschafft wurde. Frauen sind nicht nur verpflichtet, ihr Haar in der Öffentlichkeit zu bedecken, auch müssen sie lange Kleidung tragen, die ihre Figur verschleiert.

Dabei spielt Religion für viele junge Iranerinnen und Iraner keine Rolle mehr in ihrem Leben. Der iranische Philosoph Abdolkarim Sorusch hat hierzu einmal gesagt: «Die islamische Religion war so tief verwurzelt im iranischen Volk, dass nur eine islamische Republik es schaffen konnte, diese Wurzeln auszureissen.» Mit Beginn der Proteste im September 2022 ist das Kopftuch zum Symbol der Unterdrückung durch das iranische Regime geworden. eba

Unser Fahrer weicht auf Nebenstrassen aus. Aber auch dort fällt das mit weissen Bouquets geschmückte Auto auf. Andere Verkehrsteilnehmer hupen, Passanten jubeln uns Glückwünsche zu: Tabrik! Mobarak bashe! Glückwunsch! Gesegnete Hochzeit! Wie immer, wenn sie auf ihr Land stolz ist, stellt Bahar die rhetorische Frage: «Wäre so etwas auch in Europa möglich?»

Wir lassen die Stadt hinter uns. Über eine schmale, unbefestigte Landstrasse rast die pinke Limousine auf ein grosses Metalltor zu. Drei hünenhafte Sicherheitsmänner öffnen es, wir fahren auf einem Schotterweg weiter, bis wir bei einer weissen Villa und einem riesigen, beleuchteten Garten ankommen. Bahar spürt meine Nervosität und sagt auf englisch, in unserer gemeinsamen Sprache: «Du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Es gibt keinen Ort in Isfahan, der sicherer ist als dieser.»

Die Abgeschiedenheit hat Gründe. In Iran ist alles, was zu einer guten Hochzeit gehört, verboten: das fröhliche Beisammensein nicht verwandter Männer und Frauen, tanzende Frauen, singende Frauen, bestimmte Musikrichtungen. Und natürlich Alkohol. Unsere Hochzeit feiern Bahar und ich in Iran, weil es für europäische Angehörige viel leichter ist, ein iranisches Visum zu bekommen, als umgekehrt. Verzichten wollen wir trotzdem auf nichts. Der Hochzeitsplaner hat uns beruhigt: «Die Polizei wird keine Probleme machen.» Mit etwas Geld lässt sich auch die strikteste Moral schmieren.

Wein statt Granatapfelsaft

Das Ergebnis ist unvergesslich. Hinter den palmhohen Mauern hat das Team eine Szenerie wie aus einer Hollywood-Hochzeit geschaffen. Persische Elemente wie der Taubenturm aus Lehm stehen neben westlichem Luxus, märchenhaft dekorierten Gästetischen, einer Tanzfläche mit Schachbrettmuster direkt vor dem DJ-Pult und einem Pool. Kellner in Livree servieren Cocktails aus Fruchtsaft und Arak, dem orientalischen Anisschnaps. «Wäre so etwas auch in Europa möglich?», will Bahar wieder wissen. «Allein aus Kostengründen nicht», gebe ich zu.

Der grösste Unterschied zwischen einer europäischen und einer iranischen Hochzeit ist der Stellenwert des Tanzens: Angefangen wird damit gleich nach der Zeremonie, unterbrochen wird es eigentlich nur fürs Essen und für Ansprachen. Selbst das Aufschneiden der Torte wird mit einem provokanten Messertanz eingeleitet, der nach persischer Tradition von Bahars Schwester, Nuschin, vollführt wird. Die Stimmung ist fröhlich, ausgelassen, bis das italienische Partisanenlied «Bella Ciao» uns zurück in die Gegenwart holt. Gespielt wird das italienische Original, einige Gäste singen die persische Version mit. «Das ist für alle da draussen, die in diesen Tagen für ein freies Iran kämpfen», ruft der DJ am Ende des Songs auf persisch ins Mikrofon.

Dieses freie Iran, wir kennen es. Aber nicht von hier, vom Festland. Sondern von unserer Zeit am Persischen Golf.

Qeschm, Februar 2022

Lange Gesichter und muffige Zugluft in der Wiener S-Bahn. Und mittendrin Bahar auf dem Weg zur Uni. In Europa ist tiefster Winter, im Osten rüstet sich Russland für den Angriff auf die Ukraine. Da sieht Bahar Bilder auf Instagram. Bilder, die sie noch nie zuvor gesehen hat, die im Land, aus dem sie kommt, eigentlich nicht existieren dürften. Junge Frauen, die im Bikini in die Wellen springen. Männer, die in Bermudas, mit lässiger Surfer-Frisur Zelte für die Nacht aufbauen. Ein sympathisch wirkender Typ, der seinen Freunden Wodka mit Orangensaft ausschenkt.

«Habe ich die Revolution verpasst?», hat jemand unter den Fotos auf persisch kommentiert. Ein anderer meinte ironisch: «Hört doch auf mit dieser Nostalgie von vor 1979, das macht mich traurig!» Eine Anspielung auf die Zeiten vor der islamischen Revolution, als die islamische Kleiderordnung noch nicht Pflicht war in Iran.

Eigentlich könnte Bahar, die wie alle Protagonistinnen und Protagonisten dieser Geschichte in Wirklichkeit anders heisst, ihren Urlaub anderswo verbringen. Sie hat alles, wovon laut Umfragen knapp die Hälfte der iranischen Jugend träumt: Mit 29 Jahren lebt sie in Europa, spricht fliessend Englisch und etwas Deutsch, studiert an einer renommierten Universität, nach dem Studium steht ihr die internationale Arbeitswelt offen. Doch die Provence oder Ibiza reizen sie nicht. Bahar will die Freiheit in ihrem eigenen Land erfahren, ohne Sittenpolizei, ohne Basidschi.

Vor fünf Jahren hat sie Iran verlassen – «musste es verlassen», betont Bahar, um als Frau in Würde leben zu können. Jetzt schickt sie mehrere Tage lang frenetisch Nachrichten hin und her. Erst über eine lange Kette von Freunden und Bekannten gelangt sie an einige der geheimgehaltenen Adressen und Kontakte. Bahar strahlt. Und macht mir einen kühnen Vorschlag, über den ich erstmal nachdenken muss, bevor ich Ja sage. Ja zu einem Strandurlaub in der Islamischen Republik Iran.

Irans Inseln der Freiheit sind manchmal nur ein Wohnzimmer bei Freunden. Manchmal sind sie aber auch Wüsten, Berge, Wälder und ja, auch wirkliche Inseln. Die Pilgerzüge, die zu den magisch klingenden Orten Qeschm, Hormuz, Hengam oder Kisch aufbrechen, sind Prozessionen des Hedonismus, jung, laut, farbenfroh. Einer ihrer Startpunkte ist der Bahnhof von Teheran, wo die Partypilger in diesen kalten Februartagen gut die Hälfte aller Reisenden ausmachen. Kurz treffen sie hier auf die Parallelwelt der «echten» Pilger, die im schwarzen Tschador, mit zugeknöpften, sorgfältig eingesteckten Hemden zu den heiligen Schreinen nach Maschhad fahren.

Misstrauische Blicke sind in der Regel die einzige Form der Kommunikation zwischen den beiden Gruppen. Bahar, ihre vier Jahre jüngere Schwester Nuschin, die in Teheran Betriebswirtschaft studiert, und ich mischen uns unter die bunte Masse, die den Nachtzug nach Bandar Abbas im Süden nimmt. Die Reise ist lang und für Menschen, die unislamisch feiern wollen, gefährlich.

«In Wasserflaschen könnt ihr Arak abfüllen. Den Wein lieber in Cola-Flaschen.» Rezeptionist

«Eine ganz gewöhnliche Plastikflasche? Das war dumm von euch!», sagt der Rezeptionist, ein beleibter Mann im weissen, fussknöchellangen Folklore-Kaftan, als wir am nächsten Abend in unserer Herberge auf der Insel Qeschm einchecken. Ein Polizist hat uns beim Besteigen der Fähre angehalten, weil, wie er ganz richtig erraten hatte, in unseren Granatapfelsaftflaschen in Wirklichkeit gar kein Granatapfelsaft drin war. «In Wasserflaschen könnt ihr Arak abfüllen. Den Wein lieber in Cola-Flaschen. Wegen seiner dunklen Farbe, versteht ihr? In einer Plastikflasche fällt er doch auf!» Der Rezeptionist sieht uns eindringlich an und lächelt. «Also haben sie euch gehen lassen?»

«Ja, sie hat wohl das Mitgefühl gepackt», sagt Bahar, aber plötzlich hat sie keine Lust mehr, diese Geschichte zu Ende zu erzählen. Von wegen Mitgefühl. In ihren Augen bin ich der Grund, warum nichts Schlimmeres passiert ist. Der Konsum von Alkohol wird in Iran mit bis zu 80 Peitschenhieben bestraft, bei wiederholtem Vergehen droht sogar die Todesstrafe. Nein, es war nicht der hilflose Rettungsversuch in meinem gebrochenen Persisch, es war meine westliche Herkunft: «Als Europäer bist du sogar in meinem eigenen Land privilegiert.» Wenn es nicht unbedingt nötig ist, wollen die Polizeibeamten nicht den Iran-Urlaub von Westlern ruinieren und riskieren, dass die später in Europa über ihr Land herziehen.

Von oben sieht Qeschm wie ein verschwommener Hai aus. Es ist nicht nur die grösste, sondern mit 150 000 Einwohnern auch die bevölkerungsreichste aller Inseln im Persischen Golf. Der Meissel der Erosion hat hier bizarre Felsformationen hervorgebracht, Steinskulpturen und Farbschichten, die von einem anderen Planeten zu stammen scheinen. Menschenleere Strände erstrecken sich im Norden der Insel über Kilometer, fern von bigotten Blicken.

Das Fischerdorf, in dem sich unsere Herberge befindet, liegt paradoxerweise einige Kilometer im Landesinneren, mitten in der Wüste – angeblich wegen der Mücken. Auf unserem Streifzug durch die Siedlung am nächsten Morgen stossen wir auf alte, vor sich hin modernde Fischerkähne. Die Häuser sind einstöckige Lehm- oder Ziegelbauten, in den Gassen riecht es nach Katzenurin und verfaulten Feigen, das Thermometer zeigt 25 Grad. Vor den Hauseingängen sitzen vereinzelt ältere Frauen im Blümchentschador und blicken grimmig. Bahar überprüft reflexartig, ob ihr Kopftuch richtig sitzt.

bref+

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