
Ich möchte mich heute einem Thema widmen, das in dieser Kolumne bisher viel zu kurz gekommen ist, nämlich dem Saunieren.
Ich weiss nicht, wie sehr Sie mit dem Thema vertraut sind, ich jedenfalls verfolge es seit Jahren aus sicherer Ferne. Dabei treffe ich stets dieselbe Kosten-Nutzen-Abwägung. Auf der einen Seite: enormer gesundheitlicher Bonus. Auf der anderen: Nacktsein unter Fremden.
Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum wir kilometerlang durch den Zug marschieren, damit wir ein Abteil für uns alleine haben, nur um uns später in einen winzig kleinen Raum voller entblösster Geschlechtsteile zu pferchen.
Hat der Mensch in der Sauna nicht nur seine Kleider abgelegt, sondern auch die Fesseln der Zivilisation, die seinen Charakter verdorben hat? Wenn das stimmt, und ich hoffe, dass es stimmt, müssten wir nicht nur in der Sauna, sondern auch in den SBB nackt sein.
Aber ich bin mir nicht sicher. Denn bis anhin sind meine Besuche in den hiesigen Saunen bereits an den Präliminarien gescheitert. Ich rede von den laminierten Verhaltensregeln, die an der Wand hängen und so detailliert abgehandelt werden, dass mir, noch bevor es überhaupt losgeht, der Schweiss ausbricht.
Der Ton ist dabei so autoritär-belehrend, dass ich mich frage, wer hier eigentlich spricht. Ist es ein Arzt? Ist es der Gott der Sauna? Nein. Vielmehr ist es einfach das Kollektiv, dem ich später in der Sauna wiederbegegnen werde.
Und genau das irritiert mich jedes Mal. Ich empfinde Nacktsein als komisch, vielleicht gar ein wenig lächerlich und exzentrisch. Es ist ein karnevalesker Ausnahmezustand, und meiner Meinung nach sollte so einem Striptease auch in den Verhaltensregeln Rechnung getragen werden.
Stattdessen empfängt einen dieser bürokratische Ton, als befände man sich bei der Verkehrskontrolle. Er scheint falsch, aber natürlich passt er haargenau.
Später in der Sauna setzt sich das bürokratische Unwohlsein fort. Wie sehr ich mich auch anstrenge, ich bin nie so nackt wie die anderen. Ihre Körper wirken immer freier, wissender, und ja, eben, nackter. Durch jahrzehntelanges Saunieren haben sie so viele Schichten von Zivilisation abgelegt, davon kann ich nur träumen.
Mein Körper ist immer noch von unendlich viel Scham umgürtet. Das geht nicht in einem Aufguss weg. Das geht wahrscheinlich niemals weg. Es ist wie bei einem exklusiven Club, zu dem man niemals gehören wird.
Daran musste ich denken, als ich dieser Tage die Ereignisse verfolgte, die unter der Schlagzeile «Sauna-Gate in Kläranlage» den Boulevard beschäftigten.
Sie haben es sicher mitbekommen. In der Bülacher Kläranlage wurde ein geheimer Wellnessbereich entdeckt, der von städtischen Angestellten während Jahren heimlich benutzt wurde. Sauna, Badewanne, Fitnessgeräte – alles, was ein Gemeindemitarbeiter nach einem anstrengenden Tag zum Relaxen benötigt.
Eine Art Staat im Staat, ein geheimes Gegen-Reduit, in dem ein paar nackte Leiber um die Wette schwitzen. Und da hätten wir wieder unsere Geheimgesellschaft.
Der Boulevard empörte sich über die verschleuderten Steuergelder, dabei liegt der wahre Skandal darin, dass hier etwas im Verborgenen geschieht und wir nicht dabei sind.
Denn genau darum geht es bei diesen Clubs: Sie gewähren eine evolutionäre Abkürzung. Zurück zur Natur. Zurück ins Paradies. Und nur wenige kennen den Weg.
Man kann sich die Bülacher Beamten förmlich vorstellen, wie sie in der einbrechenden Dunkelheit in die Kläranlage huschen und dort ihre verspannten Körper neben dem Nachklärbecken ausstrecken: «Chli stinke muess es».
Und an der Wand hängen die laminierten Verhaltensregeln.