Kübra Gümüşay

Wir, die Reaktiven

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Freitag, 17. November 2017

Früher musste ich jedesmal lachen, wenn ich an folgende Begebenheit dachte: Ich war vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, als meine Mutter mir eine lange Predigt hielt. Sie hatte erfahren, dass ich zu später Stunde, nach 22 Uhr, einer Freundin eine E-Mail geschickt hatte. Empört schaute sie mich an.

Wie konnte ich, ihre Tochter, so spätabends eine E-Mail verschicken? Um die Uhrzeit dürfe man fremde Personen nicht mehr stören, schimpfte sie, es lebten schliesslich auch andere Menschen im Haushalt meiner Freundin.

Ich konnte mich derweil nicht mehr halten vor Lachen. Als ich mich endlich einkriegte, erklärte ich ihr, dass Menschen ihre E-Mail-Post öffnen können, wann sie mögen. Und ob die Nachricht nun um 1 Uhr nachts oder 6 Uhr morgens eintrudele, sei für den Empfänger irrelevant. Ich lachte, weil es mir so absurd erschien, dass sich jemand durch eine abendliche E-Mail gestört fühlen könnte.

Mittlerweile finde ich: Meine Mutter hatte irgendwie recht. Anders als sie bin ich ein Kind des Internets. Durch das Internet freundete ich mich mit wildfremden Menschen aus anderen Kontinenten an, tauchte in Subkulturen ein und lernte die Welt schnell und vielseitig kennen. Ich profitierte ungemein davon, zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Menschen aus aller Welt kommunizieren zu können.

Heute, viele Jahre später, erlebe ich, wie sich eine digitale Kommunikationskultur entwickelt hat, die permanente Erreichbarkeit nicht nur ermöglicht, sondern auch einfordert.

Auch ich werde in meiner freien Zeit gestört. Manchmal erhalte ich nachts um 23 Uhr eine E-Mail und bekomme am nächsten Morgen um 9 Uhr Nachrichten auf Facebook und Twitter, ob ich die E-Mail gelesen hätte und wann ich denn darauf antworten würde.

Das ist falsch. Ich möchte nicht permanent erreichbar sein. Und ich möchte selbst bestimmen, wann ich wem antworte. Irgendein kluger Mensch schrieb einmal in diesem Internet: «Dein E-Mail-Postfach ist nichts anderes als die Agenda, die dir andere Menschen vorschreiben.» Die E-Mails mit Fragen, Bitten und Aufträgen geben mir vor, womit ich mich zu beschäftigen habe, worauf ich reagieren, wie ich meinen Alltag gestalten soll. Jeden einzelnen Tag.

Die Schriftstellerin Annie Dillard schrieb mal: «How we spend our days is, of course, how we spend our lives. What we do with this hour, and that one, is what we are doing.» Wenn wir unsere Tage damit verbringen, E-Mails zu beantworten, auf Menschen zu reagieren, immer wieder und unentwegt, dann ist es das, was uns definiert. Wir werden zu reaktiven Menschen, die verlernen, eine eigene Agenda für sich zu setzen.

Deshalb nehme ich mir mehr Raum für meine eigene Agenda. Ich behalte mir also vor, mir mindestens einen Tag, im Durchschnitt sogar zwei bis drei Tage, Zeit zu lassen mit einer Antwort. Ich habe meine eigenen Wünsche und Ziele – für den einzelnen Tag, für die Woche, das Jahr, das Leben. Die Agenda für mein Leben überlasse ich nicht mehr anderen. Und ich finde, niemand sollte das tun, denn die Agenden der anderen haben fatale Folgen, die sich nicht auf die individuelle Ebene beschränken, sondern tief in die Gesellschaft hineinreichen. Wir verlieren zusehends die Fähigkeit, unsere Gegenwart entlang unseren Visionen und Zielen zu gestalten, und reduzieren unsere Gestaltung auf das Reagieren – und das Abwehren.

Denn wer sind die anderen? Es sind nicht nur unsere Freunde und Verbündeten, die unsere Zeit in Anspruch nehmen. Es sind vor allem auch die Rechtspopulisten, die Rassisten, die Sexisten, die unsere Reaktionen einfordern. Und wir? Wir antworten den lieben langen Tag. Wir reagieren permanent. Doch wer sind wir dann? Was macht das mit uns? Wir werden diejenigen, die sich von den eigenen Agenden ablenken lassen. Am Ende sind wir nichts anderes als das, was wir an jedem Tag unseres Lebens tun: Reaktive. Wir sollten mehr sein.