Linder liest

Warten auf Aliens

Unser Kolumnist ist in einem Alter, in dem sich Männer gern neue Ziele setzen. Seine sind ziemlich ausserirdisch.
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Donnerstag, 04. September 2025

Ich habe einen Schnurrbart. Tatsächlich habe ich ihn schon länger, doch seit kurzem trage ich ihn als ein evolutionäres Statement. Es gibt Bärte, die sagen: «Hier komme ich». Mein Schnauz sagt etwas anderes, nämlich: «Das wars für mich, Leute. Ich bin weg vom Markt.»

Seine Form, die an eine Nacktschnecke erinnert, die sich in mein Gesicht verirrt hat, um dort zu sterben, hat nichts von der schwülen Erotik potenter Schnäuzer eines Tom Selleck. Wer mir im Dorfladen oder auf dem Minigolfplatz begegnet, erkennt sofort: Dieser Typ hat seine Suche beendet.

Natürlich. Ich bin ein verheirateter Familienvater und Bestsellerautor mit eigenem Haus – na ja, Wohnung, aber mit Balkon! Meine Vorstellung von Männlichkeit speist sich offenbar aus Fernsehserien der Achtziger. Ich befinde mich also in jener Lebensphase, da sich Männer gerne unterbinden lassen, um sich neue Ziele im Leben zu setzen, wie das Auswendiglernen historischer Daten oder die Vorbereitung auf eine Invasion von Aliens.

Und genau so habe ich diesen Sommer verbracht. Ich sass in den Bergen auf der Terrasse eines Hauses, das leider nicht mir gehört, und blickte verbissen in den blauen Himmel. «Aliens», murmelte ich unter meinem Schnurrbart. «Die haben uns gerade noch gefehlt.»

Was war passiert? In der «ZEIT» hatte ich gelesen, dass ein Objekt von einem anderen Stern durch unser Sonnensystem rast. Manche behaupten, es handle sich dabei um ein Raumschiff voller Aliens. Also eigentlich behauptet das nur einer. Er heisst Avi Loeb, ist Professor für Astrophysik an der Harvard University und ein ausgewiesener Alien-Fan.

Was ihn an dem Himmelskörper namens 3I / Atlas besonders beunruhigt, ist seine Flugbahn. Sie liegt genau in der Bewegungsebene der Planeten unseres Sonnensystems und führt eng an Mars, Jupiter und Venus vorbei, was sie einfach zur perfekten Reiseroute für ein paar ausserirdische Weltraumtouristen macht.

Auf der von ihm entwickelten Loeb-Skala befinden wir uns derzeit auf Risikostufe 4 von 10, welche den kritischen Punkt markiert, an dem strategische Überlegungen notwendig werden. Oder wie es in der «ZEIT» geschrieben stand: «Wir sollten uns jetzt auf den Fall vorbereiten, dass die Menschheit von Aliens besucht wird.»

Für Männer im fortgeschrittenen Alter ist das Ende der Welt ein verführerischer Gedanke, das zeigt die grosse Beliebtheit von Katastrophenfilmen: Man kann noch einmal neu anfangen. Wer auch immer man vorher gewesen ist, spielt jetzt keine Rolle mehr.

Man hat keine Schulden mehr – weder echte noch emotionale. Der dröge Job ist einer viel prickelnderen Aufgabe gewichen (Alien-Jäger). Und selbst dieser lächerliche Nacktschnecken-Schnurrbart wirkt erhaben, ja fast heroisch, wenn vor der Türe ein Ausserirdischer steht.

Aber da ist noch etwas, dachte ich, als ich auf der Terrasse sass und den Himmel nach extraterrestrischen Zeichen absuchte: Es ist kein Zufall, dass die Aliens gerade jetzt auftauchen. Immer dann, wenn es um die Welt besonders schlecht bestellt ist, erscheint ein Raumschiff am Himmelszelt. Nicht als Bedrohung. Als Sehnsuchtsmoment.

Denn verglichen mit Putin, Trump und der künstlichen Intelligenz wirkt so ein Alien doch fast freundlich und begrüssenswert. Es ist eine Gefahr, mit der wir vielleicht umgehen können. Besser als mit diesen Mördern und Verbrechern, die letzten Endes aus dem gleichen Holz geschnitzt sind wie wir.

Plötzlich spürte ich, dass ich handeln musste. Ich konnte nicht einfach so im Liegestuhl auf das Ende der Welt warten. «Aliens», rief ich. «Kommt nur her. Ich bin bereit.» Dann ging ich ins Badezimmer und kämmte meinen Schnurrbart. Dazu summte ich die Titelmelodie von «Magnum».

  • bref Magazin - Dzz, dzz, dzz ...

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