Kübra Gümüşay

Wanderjahre

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Sonntag, 28. Oktober 2018

Es gibt zwei Arten von Menschen: sesshafte und wandernde. Ich selber bin eine Wanderin. Ich meine das im übertragenen Sinn. Es geht nicht darum, dass ich beständig gehe, während andere zuhause sitzen. Es geht darum, wie ich mich durch diese Gesellschaft bewege.

Wie viele andere Menschen mit Migrationshintergrund habe ich gelernt, mich in verschiedenen Lebensrealitäten zu bewegen. Ich wuchs in einem anderen Wohnquartier auf, als ich heute wohne, ich habe eine andere Muttersprache als die Sprache, in der ich hier schreibe – und ich lernte im Lauf meines Lebens verschiedene Arten kennen, wie Menschen sich begrüssen, sich freuen, Feste feiern, woran sie glauben oder wovon sie träumen. Ich habe gelernt, mich in die Wünsche, Vorstellungen und Ansichten verschiedener Milieus hineinzuversetzen. Das habe ich mit vielen anderen Wanderern gemeinsam: Ich habe gelernt, mich anzupassen, ich beherrsche verschiedene Verhaltenscodes, die mir erlauben, mich in verschiedenen sozialen Situationen zurechtzufinden.

Wer wandert, spürt aber auch die Grenzen der einzelnen Lebensweisen, etwa jene zwischen «Herkunftsdeutschen» oder «Migranten». Ich erkenne die «feinen Unterschiede», von denen Pierre Bourdieu einst schrieb, also die gruppenspezifischen Verhaltensweisen und Einstellungen aus ganz verschiedenen Blickwinkeln: von innen und von aussen, von oben und von unten. Wie viele Nomaden wurde ich zur Brückenbauerin, Übersetzerin und Vermittlerin.

Doch das Wandern birgt seine ganz eigenen Probleme. Wer wandert, verändert sich. Wer wandert, droht sich zu entfremden von dem Ort, an dem er oder sie startete. Ich merkte irgendwann, wie ich mich von meinen Eltern entfernte.

Von aussen betrachtet fällt meine Geschichte unter das typische Schicksal von gut integrierten Bindestrich-Kindern, ein Generationenkonflikt, ein cultural clash im Kleinen. Mit den Jahren wurde mir aber klar: Es geht hier um mehr als Freizeitgewohnheiten oder wie ich mich kleide und ausdrücke. Es geht um grundverschiedene Modelle dessen, wie wir uns Gesellschaft vorstellen. Für meine aus der Türkei stammenden Eltern steht die Gemeinschaft im Zentrum. An sich selbst denken sie, wenn überhaupt, nur zuletzt. Einander unter die Arme zu greifen, mitzudenken, ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Ihr solidarisches Modell funktioniert gut, solange alle genauso solidarisch denken und handeln.

Ich wurde von meinen Eltern dazu erzogen, zu erkennen, ob jemand Hilfe braucht, und gemeinschaftlich an die Menschen um mich herum zu denken. Was ich nicht lernte, war, meine ganz persönlichen Interessen zu formulieren und sie gegenüber den Bedürfnissen anderer zu priorisieren – egoistisch zu sein, würden meine Eltern sagen. Damit war ich gänzlich unvorbereitet auf das, was mich in der Gesellschaft erwartete, in die ich geboren wurde. Mir fehlte dieser Fokus auf mich selbst, ein Fokus, der in einer Gesellschaft überlebenswichtig ist, in der das Individuum im Zentrum steht.

«Fallend und aufstehend», wie man im Türkischen sagt, lernte ich, durch diese Gesellschaft zu wandern. In der Schule, an der Uni, bei der Arbeit und mit Freunden lernte ich nach und nach, mir meinen Platz zu nehmen, zögerlich meine eigenen Interessen wahrzunehmen und ihnen nachzugehen.

Doch jahrelang haderte ich damit. In der Welt meiner Eltern fühlte ich mich egoistisch und ärgerte mich über deren Selbstlosigkeit, die mir unpassend schien – und draussen, in der Schule oder bei der Arbeit fühlte ich mich vergessen und litt unter der mangelnden Solidarität und dem fehlenden Gemeinschaftssinn.

Ich war hin- und hergerissen. Bis ich mir mein eigenes Gesellschaftsideal schuf, das zwischen diese Welten passt. Meinen ganz persönlichen Raum, der damit zur Brücke wurde. In diesem Raum denke ich zuallererst an mich – um so ein starkes Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, die füreinander denkt und solidarisch ist. Dort, in diesem kleinen Raum, finde ich mein Glück. Dort kann ich nach langen Wanderungen ausruhen und womöglich irgendwann sesshaft werden.