Mein Marti

Vom Wissen der Menschen über ihren Gott

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Autorin: Nora Gomringer
Dienstag, 31. Januar 2017

 

 

 

 

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß gustav e. lips
durch einen verkehrsunfall starb

erstens war er zu jung
zweitens seiner frau ein zärtlicher mann
drittens zwei kindern ein lustiger vater
viertens den freunden ein guter freund
fünftens erfüllt von vielen ideen

was soll jetzt ohne ihn werden?
was ist seine frau ohne ihn?
wer spielt mit den kindern?
wer ersetzt einen freund?
wer hat die neuen ideen?

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß einige von euch dachten
es habe ihm solches gefallen

im namen dessen der tote erweckte
im namen des toten der auferstand:
wir protestieren gegen den tod von gustav e.lips

was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommen die rechnungen
für sarg begräbnis und grab

was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommen die wohnungssucher
und fragen ob die wohnung erhältlich

was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommen die grabsteingeschäfte
und bewerben sich um den auftrag

was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommt die lebensversicherung
und zahlt die versicherungssumme

was kommt nach dem tod?

Kurt Marti, dem herrn unserem gott / was kommt nach dem tod? In: Namenszug mit Mond. Gedichte ©1996 Nagel&Kimche im Carl-Hanser-Verlag München

In Kyoto gibt es einen Shintōschrein, der der Gartenabteilung eines Obi oder Hornbach gleicht. Alles ist gleichberechtigt. Die Katze aus Porzellan, die in einem Farnbusch hockt, und die Gottheit, die in eine Schürze gekleidet wurde. In einem anderen Schrein wird eine grosse Krake verehrt. Vor allem Männer und Frauen, geplagt von bösen Geistern und Krankheiten, beten dort, denn die Krake heilt und treibt das Böse aus. Die Krake ist ein Sieger und ein mächtiges Bild für die Macht über das Schicksal.

Das Wissen der Menschen über ihren Gott ist ein Ahnen, das sie mit Glauben bewaffnen. So geht das alles tiefer rein, ist unabwaschbarer, schwerer zu erweichen, schwerer zu erreichen, weil wir in uns ein Tabernakel bilden und den Schlüssel versenken.

Fragen an Gott, den Gott, von dem wir ständige Ahnungen und daher Annahmen haben, kommen, wenn der Boden sich auftut, die Krankheiten unkontrollierbar werden, die Menschen wie Gustav E. Lips sterben und wir fühlen – nein, wissen, denn diese Dinge wissen wir mit Sicherheit! –, dass da noch Kraft und Willen in den Händen und Augen war. Wir sagen: Es ging einer vor seiner Zeit. Und die Formel hilft: «Gott, dem Allmächtigen, hat es gefallen, Gustav E. Lips zu sich zu berufen.» Oft ist er dann noch eingegangen in sein himmlisches Heim. Während die Menschen in der Welt sich mit Abrechnungen, denn auch das Ableben bedarf des Verwaltungsaktes, beschäftigen und mit dem Weiterleben ringen, sich wünschten, dass die Uhren anhielten, der Verlust ein Monument in etwas Grossem wie einer «Weltbewegung» fände.

Aber panta rhei und tempus fugit und ein Dummer macht die Pläne, die Gott amüsieren. Was kommt nach dem Tod, Gott? Das fragen wir und sind ängstlich und wütend wie Kinder. Aber auch ablenkbar und ausgestattet mit einem Koordinatensystem, das uns ein länger, weiter, höher zuflüstert. Im Japanischen ist «Leben»: bewegt sein. Was sich bewegt und regt, lebt. Wer uns regt, uns bewegt, der lebt. Das kommt nach dem Tod: das Abrechnen mit dem Erinnern, das Haben und das Soll, die gegebenen Kredite, die Absicherungen dazu. Das Erinnern ist ein Haushaltsbuch. Zärtlich geführt, ist es ein prächtiges Fragment.