Überschätzt

Pilgern

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Freitag, 16. April 2021

Zwingli, Calvin, Luther und Kerkeling – alle vier hatten etwas gegen das christliche Pilgern. Spotteten die Reformatoren über das katholische Heilsversprechen am Zielort, so nahm sich der Entertainer Hape Kerkeling vor seiner Pilgerreise 2001 vor, auf dem Weg keine Christen treffen zu wollen. Denn die hielt er nicht für lernfähig. Der Vorwurf: Sie würden als gleiche Menschen die Reise beenden, als die sie sie begonnen haben. Viel lieber wolle er mit einem «sexlüsternen Mitwanderer, Spiessern, Kirchenkritikern, Esoterikern und Spiritisten» 800 Kilometer über den französischen Weg nach Santiago de Compostela zum Grab des heiligen Jakob gehen.

Um Läuterung oder innere Einkehr geht es dem Selbstdarsteller, der sich heute auf den Weg nach Rom, Assisi, Fatima, Jerusalem oder wo auch immer macht, längst nicht mehr. Er postet auf Instagram seinen wundgescheuerten Knöchel so, wie früher in den Kirchen das Wundmal des Märtyrers zur Schau gestellt wurde. Der moderne Pilger hält seine Follower stets über die eigene Befindlichkeit auf dem laufenden. Diese wiederum wollen an dessen Selbstfindung auch tatsächlich teilhaben. Mit Bewunderung betrachten sie den zerschlissenen Wanderschuh, der am Ende der Reise vom Pilger als Reliquie ins Wohnzimmerregal gestellt wird. Wer sich also eine Auszeit nimmt, ist in Wahrheit nicht «mal weg», sondern hat bei den Daheimgebliebenen Erwartungen zu erfüllen.

Dabei könnte solch ein Pilger genauso gut einen Marathon laufen oder die Alpen überqueren. Aber vielleicht strahlt der Weg, der von Millionen Pilgersandalen jahrhundertelang geebnet wurde, eben doch etwas Anderes, Heiliges ab. Nur so erklärt sich das Paradox, warum ein Manager mit Burnout, der eigentlich kürzertreten wollte, über mehrere Wochen Hunderte von Kilometern geht.

«Wer durch Reisen klüger werden will, darf sich selbst nicht mitnehmen.» Das Zitat stammt von Sokrates. Es sollte im Gepäck von jungen Menschen sein, die ihren Weg erst noch finden müssen, aber auch in jenem von Erwachsenen, die an einer Gabelung ihres Lebens stehen oder sich auf der Schlussstrecke befinden.

BILD: QUAGGA MEDIA AG