Roland Diethelm

Nikolaus ist der Popstar unter den Heiligen – warum eigentlich?

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Freitag, 06. Dezember 2019

Martin Luther verbannte den heiligen Nikolaus aus der Adventsstube. Das hält Christen auf der ganzen Welt nicht davon ab, ihn wie einen Popstar zu verehren, schreibt Roland Diethelm.

Der heilige Nikolaus ist Idol aller christlichen Konfessionen – und eine versöhnende Gestalt. Davon wurde ich Zeuge, als ich dieser Tage im italienischen Bari die Nikolaus-Kirche besuchte, wo seine Gebeine als Reliquien verehrt werden. Orthodoxe Gesänge ertönten aus der Krypta. Mein Blick fiel auf die andächtigen Gesichter russischer Touristen. Pilger aus der gesamten christlichen Welt strömen zu Nikolaus’ sterblichen Überresten in der apulischen Hafenstadt – unabhängig von ihrer Denomination beten seine Besucher vor seinem Schrein. Wer war der Mann zu Lebzeiten, und warum ist er bis heute so populär?

Irgendwann zwischen 270 und 286 n. Chr. in Lykien in der heutigen Türkei geboren, wurde er als junger Mann zum Priester geweiht und bald zum Abt eines Klosters gewählt. Später war er Bischof der Kleinstadt Myra südwestlich des heute bekannten Badeortes Antalya. Während der Christenverfolgungen geriet er in Gefangenschaft und wurde gefoltert. Davon zeugt seine etwas schief verheilte Nase, wie eine Autopsie der verehrten Knochen ergab.

Der Hüter der Orthodoxie war selbst aber auch nicht zimperlich mit seinen Gegnern. Am Konzil von Nizäa soll er seinen theologischen Widersacher Arius geohrfeigt haben, weil er um die wahrhaft katholische Lehre fürchtete. Arius’ Christologie gestand Christus zwar den Rang als einem ersten Geschöpf Gottes zu, aber nicht Wesensgleichheit mit dem Vater. Nikolaus bekam Hausarrest für die Ohrfeige, doch die vom ihm vertretene Lehre der Gottheit des Sohnes gewann am Konzil die Oberhand und setzte sich in der ganzen römischen Reichskirche durch.

Populär machte ihn aber nicht sein handgreiflicher Einsatz für die Rechtgläubigkeit, sondern sein Engagement für die Armen. So liess er sein grosses ererbtes Vermögen in einer Hungersnot unter die Notleidenden verteilen. Unzählige Legenden ranken sich um diese grossartige christliche Caritas. Eine der rührendsten Geschichten erzählt, wie er drei Töchter eines verarmten Vaters vor der Prostitution rettete, indem er in drei aufeinanderfolgenden Nächten je einen grossen Goldklumpen durchs Fenster in ihr Zimmer warf.

Bilder zeigen ihn oft mit drei goldenen Äpfeln oder Kugeln. Sein Ruhm gelangte mit den guten Handels­beziehungen vom oströmischen Kleinasien ans adriatische Meer und nach Italien und von dort weiter über die Alpen nach Deutschland und schliesslich bis in den Osten und den Norden Europas. Christliche Händler aus Bari raubten im 11. Jahrhundert seine Gebeine aus Myra, angeblich um sie vor den vordringenden muslimischen Seldschuken in Sicherheit zu bringen.

Seither sonnt sich Bari in der Verehrung des Heiligen, erhob ihn zu ihrem Schutzpatron und baute ihm eine stattliche Basilika. Die Händler fast jeder europäischen Stadt haben ihm zu Ehren eine Nikolai­kirche gestiftet. Sein Gedenktag, der 6. Dezember, wird in der ganzen Christenheit begangen und ist mit zahlreichen Bräuchen verbunden, besonders dem Beschenken der Kinder. Den Reformatoren passte die populäre Verehrung des Heiligen nicht. Martin Luther verbannte den Brauch deshalb aus der guten Stube der christlichen Familie und übertrug die Bescherung dem Christkind am Weihnachtsabend.

Wie eine Rache aus unbewusster Tiefe scheint mir, dass Nikolaus dank dem amerikanischen Kommerz seit den 1930er Jahren zurück ist. Ausgerechnet Coca-Cola und schnulzige Santa-Songs haben einen Hybrid unbegrenzter Schenklust geschaffen – und Nikolaus umso näher ans grosse christliche Fest gerückt: als Weihnachtsmann.

Man mag davon halten, was man will, aber Nikolaus ist auch hier in der Rolle des Versöhners: Christen und Nichtchristinnen, Gläubige und weniger Gläubige feiern mit seinem Segen das Fest der Grosszügigkeit und der Liebe.