Mein Marti

Neapel sehen

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Autor: Adolf Muschg
Dienstag, 31. Januar 2017

Er hatte eine Bretterwand gebaut. Die Bretterwand entfernte die Fabrik aus seinem häuslichen Blickkreis. Er haßte die Fabrik. Er haßte die Maschine, an der er arbeitete. Er haßte das Tempo der Maschine, das er selber beschleunigte. Er haßte die Hetze nach Akkordprämien, durch welche er es zu einigem Wohlstand, zu Haus und Gärtchen gebracht hatte. Er haßte seine Frau, sooft sie ihm sagte, heut nacht hast du wieder gezuckt. Er haßte sie, bis sie es nicht mehr erwähnte. Aber die Hände zuckten weiter im
Schlaf, zuckten im schnellen Stakkato der Arbeit. Er haßte den Arzt, der ihm sagte, Sie müssen sich schonen, Akkord ist nichts mehr für Sie. Er haßte den Meister, der ihm sagte, ich gebe dir eine andere Arbeit, Akkord ist nichts mehr für dich. Er haßte so viel verlogene Rücksicht, er wollte kein Greis sein, er wollte keinen kleineren Zahltag, denn immer war das die Hinterseite von so viel Rücksicht, ein kleinerer Zahltag. Dann wurde er krank, nach vierzig Jahren Arbeit und Haß zum ersten Mal krank. Er lag im Bett und
blickte zum Fenster hinaus. Er sah sein Gärtchen. Er sah den Abschluß des Gärtchens, die Bretterwand. Weiter sah er nicht. Die Fabrik sah er nicht, nur den Frühling im Gärtchen und eine Wand aus gebeizten Brettern. Bald kannst du wieder hinaus, sagte die Frau, es steht alles in Blust.

Er glaubte ihr nicht. Geduld, nur Geduld, sagte der Arzt, das kommt schon wieder. Er glaubte ihm nicht. Es ist ein Elend, sagte er nach drei Wochen zu seiner Frau, ich sehe nur immer das Gärtchen, sonst nichts, das ist mir zu langweilig, immer dasselbe Gärtchen, nehmt einmal zwei Bretter aus dieser verdammten Wand, damit ich was anderes sehe. Die Frau erschrak. Sie lief zum Nachbarn. Der Nachbar kam und löste zwei Bretter aus der Wand. Der Kranke sah durch die Lücke hindurch, sah einen Teil der Fabrik. Nach einer Woche beklagte er sich, ich sehe immer das gleiche Stück Fabrik, das lenkt mich zu wenig ab. Der Nachbar kam und legte die Bretterwand zur Hälfte nieder. Zärtlich ruhte der Blick des Kranken auf seiner Fabrik, verfolgte das Spiel des Rauches über dem Schlot, das Ein und Aus der Autos im Hof, das Ein des Menschenstromes am Morgen, das Aus am Abend. Nach vierzehn Tagen befahl er, die stehengebliebene Hälfte der Wand zu entfernen. Ich sehe unsere Büros nie und auch die Kantine nicht, beklagte er sich. Der Nachbar kam und tat, wie er wünschte. Als er die Büros sah, die Kantine und so das gesamte Fabrikareal, entspannte ein Lächeln die Züge des Kranken. Er starb nach einigen Tagen.

Kurt Marti, Neapel sehen. In: Neapel sehen. Erzählungen ©1996 Nagel&Kimche im Carl-Hanser-Verlag München

So lautet der Titel einer frühen, gallenbitteren Kurzgeschichte Kurt Martis, die mich über die Jahre begleitet oder verfolgt hat. «Neapel sehen» – und sterben, lautete früher die reflexartige Fortsetzung. Das Auge, das die Stadt am blauen Golf unter dem rauchenden Vesuv gesehen hat, kann danach nur noch brechen. In der Sprache des spätromantischen Dichters Platen: «Wer die Schönheit angeschaut mit Augen / Ist dem Tode schon anheimgegeben». Der morbide Superlativ konnte aber schon bei den Urgroßvätern ins Burschikos-Zynische kippen. Wer Pech hatte, kam auch wegen der Gauner und Messerstecher Neapels nicht lebend davon.

Martis Prosastück spielt in der modernen Industriegesellschaft, darum ist sein Witz um viele Stufen böser. Hier steht «Neapel» für eine Fabrik, in der «Er», der anonyme Nichtheld, sich Tag für Tag kaputtschindet, umso mehr, je flotter die Bude modernisiert wurde – der Büezer um 1960 hat den Stollen noch nicht «Arbeitsplatz» genannt. Bei Marti haßt er alles, was ihn an diesen Brotkorb schmiedet, haßt die Maschinen, haßt seine Frau, wenn ihr sein Zucken im Schlaf auffällt, haßt aber auch den Meister, der ihn entlasten will. Schließlich braucht er viel Arbeit, denn er will keinen «kleineren Zahltag», und doch haßt er sogar das Gärtchen, das er sich davon kaufen kann. Immerhin dient es ihm zum Aufrichten einer Bretterwand: Er will die Fabrik, die ihm zwar Brot gibt, aber das Leben nimmt, nicht auch noch sehen müssen, wenn er nach Hause kommt.

Aber als er ernsthaft krank geworden ist, entwickelt diese Sichtblende ihre ganz eigene Dialektik. Statt auszuschließen, was ihn kaputt macht, beginnt sie ihn selbst auszuschließen. Er sieht ja sein Werk nicht mehr – und sein Leiden läßt ihn vergessen, daß ihm nichts davon gehört. So verlangt er, daß die Wand abgetragen werde, Brett um Brett, damit er, über sein Gärtchen hinweg, wenigstens sieht, was ihm fehlt – die verhaßte Fabrik. «Als er die Büros sah, die Kantine und so das ganze Fabrikareal, entspannte ein Lächeln die Züge des Kranken. Er starb nach einigen Tagen.»

Auf dieser Schwundstufe vollständiger Entfremdung (um ein Hauptwort jener Jahre zu brauchen) ist das letzte Glück des armen Menschen angesiedelt. Die Fabrik, die ihm seine Identität stahl, wird zum Wahrzeichen der Identität. Er braucht nur seine eigene Schutzwand wieder abzubauen, dann kann er in dem, was ihm am meisten fehlt, sein Glück erkennen. Dagegen nimmt sich der schwärzeste Witz, den sich die Großväter über das Sterben in Neapel leisteten, zahm aus. Aber was will uns Martis Geschichte sagen?

Wie die Geisel eines verworfenen Systems zum Garanten seiner Erhaltung werden kann? Oder daß wir uns nur den bösen Blick auf die elende Wirklichkeit abgewöhnen müssen, um sie uns zu eigen zu machen? Identität als Schutzbehauptung, für die wir jeden Preis zahlen? Oder werden wir über das Unauslöschliche unserer Verblendung belehrt?

Aber Neapel sehen hat keine Moral, weder so noch so. Dafür ist der Widerspruch, mit dem «Er» sein Unglück managt, zu normal, zu einfühlbar, Martis Geschichte denunziert ihn weder, noch macht sie sich über ihn lustig. Normal und Absurd sind in der Welt, in der wir leben, aus einem Tuch geschnitten. Man könnte versucht sein, den Befund ihrer «gebrechlichen Einrichtung» (Kleist) für theologisch fundiert zu halten. Der Pfarrerberuf Martis verführt dazu, aber selbst, was er «Predigt» nennt, wird als Begräbnis von Heilsgewißheit veranstaltet. Es unterliegt dem Kunstvorbehalt, der literarischen Vieldeutigkeit und womöglich der gewöhnlichen Vernunft. Daß diese nicht sehr weit reicht, schreibt Marti keinem Glauben gut. Jeder ehrliche Leser kennt die Operation, die Martis «Neapel»-Geschichte vorführt, aus dem eigenen Haushalt. So ticken wir, bis hinauf zu Goethes Tasso: «So klammert sich der Schiffer endlich noch / Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.» Auf diesen Felsen läßt sich keine Kirche gründen, aber in Martis Bretterwand darf man ihn wiedererkennen.

Gute Kunst zeigt sich darin, daß sie immer noch weniger scheinhaft ist als solide Tatsachen. Martis Text will uns über die Fiktionen, mit denen darin gearbeitet wird, nicht täuschen. Insofern ist er wahr. Er läßt sehen, daß wir nicht nur frei sein wollen. Wir wollen uns nicht nehmen lassen, was uns ausmacht, und wäre es noch so beschissen. Ich denke, also bin ich, sagt Descartes. Ich werde klein gemacht, ich mache mich noch kleiner, so bin ich, sagt der Text Kurt Martis. Das ist nicht mehr schön. Aber es kommt uns nahe, und es geht uns nach.