Nora Gomringer

Manchmal gehen harte Arbeit und grosses Vergnügen Hand in Hand

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Freitag, 16. August 2019

Sie hat allzu oft einen schlechten Ruf, für sie ist in der griechischen Unterwelt eine ganze Abteilung unter Sisyphos reserviert, man verdrängt sie, sie wird gebraucht, gefürchtet, vermisst, wenn man sich in den Rentenstand verabschiedet: die Arbeit. Die Arbeit ermöglicht, hält einen in der Welt und auch von ihr ab. Sie schützt das Gemüt, sie laugt es aus, die Beziehung zu ihr ist für viele Menschen die intensivste und längste, sie fehlt den einen und ist den anderen zu viel. Als ich verlassen wurde, suchte ich – wie von meiner Mutter angeraten – mein Heil in ihr, und sie half, tröstete, lenkte ab und ermöglichte ein anderes Leben mit anderen Schwerpunkten. Die Art der Arbeit ist entscheidend. Die Arbeit kennt zahlreiche Synonyme, viele werden in der Bibel ständig verwendet: Mühe, Frondienst, Tun.

Lohn der Arbeit sind das Himmelreich, die Gerechtigkeit, gebogen in Metall über den Toren von Auschwitz verheisst sie mit menschenverachtender Ironie Freiheit, und im Märchen ist es Gold und für fleissige Müllerstöchter und Gänsemägde sind es ganze Königreiche. Es gibt solche, die sie meiden, und solche, die sie suchen. Sie hat Agenturen, Kultur und eine eigene Rechtsprechung. Sie lebt vom Missverständnis, dass wir ohne sie nichts wären und nur durch sie alles sein können. Sie verlangt Kreativität, Zuverlässigkeit, hin und wieder Reformen, eine Philosophie und von denen, die sie vergeben: Gerechtigkeit, Stabilität, Vision und Einfühlungs­vermögen. Sie beschert Geld, einen festen Platz in der Gesellschaft, Selbstwert, ist aber längst nicht mehr messbar an Erwerbstätigkeit alleine.

Eine Journalistin fragte mich letzthin, ob ich das Schreiben als Arbeit empfände. Meine Antwort: «Das Schreiben ist harte, harte Arbeit zu meinem grossen, grossen Vergnügen.» Zu meiner Arbeitsweise gehört frühes Aufstehen und diszipliniertes Verdrängen bestimmter Aufträge bis zum D von Deadline in meiner Agenda. Ich bilde mir ein, dass Druck mich besser arbeiten liesse, habe mich aber im Verdacht, eine schlechte Angewohnheit zur unhinterfragten Angewohnheit gemacht zu haben. Ausserdem lässt mich die Menge an Arbeit, an Aufträgen und Verpflichtungen, die ich mir auflade – auch dieses Wort eine Vokabel aus der körperlichen Schwerstarbeit –, bisweilen zum sprichwörtlichen Lastentier werden.

Oft werde ich im Scherz von Freunden gefragt, ob ich einen Avatar hätte. Künstliche Intelligenz wird so weit gedacht, dass uns Arbeiten abgenommen werden, die wir bisher nicht wirklich als solche empfanden und nur sprachlich mit ihnen in diesem Sinne kokettierten: Shakespeares Love’s Labour’s Lost, die wir mit Verlorener Liebesmüh übersetzen, ist ein Beispiel. Maschinen ersetzen uns an Fliessbändern, in Büros und – so liest man es – in Ehebetten. Roboter werden in der Zukunft mehr von den Arbeiten erledigen, die uns lästig oder gefährlich für uns sind, die uns teuer machen für unsere Arbeitgeber und die uns langweilen.

Sie spielen Schach mit uns, aber das ist ein Spiel und ein Sport, das ist also keine «richtige» Arbeit. «Nicht-richtige-Arbeit» ist mein Metier. Zwar bin ich voll versteuerbar, aber betrachtet durch das Brennglas der Wirtschaft bin ich beschenkt und geschlagen mit einem Talent, das sich nur bedingt in die Richtlinien «richtiger Arbeit» einordnen lässt. Schreiben? Schreiben kann ja schliesslich jeder, kann man überall zu jeder Zeit, ein Kugelschreiber und ein Papier reichen völlig aus. So denken viele, und da Schreiben in der Schule gelehrt wird, sind viele überzeugt, dass sie einen Roman ansetzen könnten, hätten sie nur ein bisschen ununterbrochene Zeit. Der Satz, den ich am häufigsten höre nach Lesungen, ist wohl der: «Irgendwann schreibe ich auch ein Buch!» Ich garantiere stets: «Das wird dann schwere, schwere Arbeit zu Ihrem grossen, grossen Vergnügen.»