Proust

Lorenz Marti 64, Autor und Publizist

Lorenz Marti ist Autor und war lange Redaktor Religion bei Schweizer Radio DRS. Er schreibt über Spiritualität, Philosophie und Wissenschaft. Seine Bücher sind in vielen Auflagen erschienen, u.a.: «Wie schnürt ein Mystiker seine Schuhe?» und «Eine Handvoll Sternenstaub». Sein neustes Buch, «Der innere Kompass», erscheint im Januar 2017 bei Herder.
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Autor: Lorenz Marti
Bild: ZVG
Freitag, 25. November 2016

Was wäre für Sie das grösste Unglück?

Der Verlust meiner Liebsten.

Wo möchten Sie leben?

Hier! Wo immer das auch sein mag.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?

Die Liebe.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Jene, die nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Ihre liebsten Romanhelden?

Da fällt mir keiner ein – ich lese kaum Romane.

Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit?

Die bengalische Waise Dipa Ma: Sie hat im Laufe ihres Lebens fast alles verloren, nur sich selber nicht. Von ihr kann ich nur lernen.

Ihr Lieblingsmaler?

Gerhard Richter.

Ihr Lieblingskomponist?

Arvo Pärt. Richter malt übrigens zu Musik von Pärt, beide beherrschen die Kunst der Reduktion.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Die Fähigkeit, eigene Überzeugungen in Frage zu stellen.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Das ganz Andere, das ich kaum in Worte fassen kann.

Ihre Lieblingstugend?

Wohlwollen.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Spazieren. Immer wieder. Jederzeit. Überall.

Wer oder was hätten Sie sein mögen?

Mich selber, aber vielleicht werde ich das ja noch. Oder bin ich es schon?

Ihr Hauptcharakterzug?

Sensibilität, gepaart mit einem harten Schädel: eine spannungsreiche Verbindung.

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Verlässlichkeit und Sensibilität.

Ihr grösster Fehler?

Diese verflixte Ungeduld!

Ihr Traum vom Glück?

Erwachen und feststellen, dass das Glück bereits da ist.

Was möchten Sie sein?

Eine Leselampe: immer hell beim Lesen.

Ihre Lieblingsfarbe?

Blau.

Ihre Lieblingsblume?

Löwenzahn.

Ihr Lieblingsvogel?

Der Graureiher, der gelegentlich über unser Haus fliegt.

Die wichtigste Erfindung der letzten hundert Jahre?

Die Wetterprognose: Sie wird immer besser und ist doch nie perfekt.

Ihr Lieblingsschriftsteller?

Rainer Maria Rilke. Seine Briefe sind eine unerschöpfliche Quelle an Lebensweisheit. Und seine rätselhaft verschlüsselten Gedichte erzeugen Resonanzen, die lange nachklingen.

Ihre Helden in der Wirklichkeit?

All jene, die unter widrigsten Umständen den Glauben an das Gute nicht verlieren.

Ihre Heldinnen in der Geschichte?

Rosa Luxemburg: eine Revolutionärin, die auch ganz leise sein konnte.

Ihre liebste Filmfigur?

Alexis Sorbas: Er scheitert glücklich.

Ihre Lieblingsnamen?

Fritz ist so schön gewöhnlich, zudem heisst ein guter Freund so. Und kurze Namen mit einem a am Schluss: Corina etwa oder Laura. Okay, da bin ich befangen. Die Liebe …

Was verabscheuen Sie am meisten?

Dummheit, die sich hinter Geschwätzigkeit versteckt.

Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten?

Verachtung finde ich keine erstrebenswerte Haltung; wenn sie aufsteigt, versuche ich sie gleich wieder loszuwerden.

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?

Meine eigenen jedenfalls nicht.

Glauben Sie, Gott ist eine Erfindung des Menschen?

Ja und nein. Gottesbilder sind menschliche Erfindungen; aber ein Geheimnis bleibt, für das die Bezeichnung «Gott» nur ein ausgebleichtes Etikett ist. Auf das Etikett kann ich verzichten, auf das Geheimnis nicht.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?

Geduld.

Wie möchten Sie sterben?

Im Frieden.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Ein Gnusch, das ich zu ordnen versuche.

Ihr Motto?

Brauche ich eines? Es lebt sich auch ohne Motto gut.

Der französische Schriftsteller Marcel Proust (1871—1922) antwortete in der Zeit der Pariser Salons gleich zweimal auf diese Fragen — einmal als 14jähriger, dann noch einmal mit 20. Der Fragebogen gilt als Herausforderung an Geist und Witz und stellt bis heute die grossen Fragen des Lebens.