
Ich bin einer der letzten gut gelaunten Menschen. Es fällt mir auf, wenn ich morgens pfeifend ins Tram steige. Achtzig Fahrgäste, die nur einen Wunsch haben: mir den Hals umzudrehen. Woher kommt dieser Hass auf den Mitmenschen, insbesondere auf einen, dem es möglicherweise besser geht?
Beispiel Beat Schlatter. Der bekannte Kabarettist und Schauspieler hat neulich den Fehler gemacht und im «Blick» über seine AHV gesprochen und darüber, dass er auch nach der Pensionierung weiterarbeiten müsse. Er erzählte dies ohne jedes Selbstmitleid, er sprach von einer Tatsache, die den meisten Künstlern im Land bekannt sei.
Ich wiederum habe den Fehler gemacht und mir die Reaktionen auf den Artikel in den sozialen Medien angeschaut. Der Ton war einhellig: Das sei die gerechte Strafe, wenn man seine Zeit mit Cüplitrinken auf Premierenfeiern verbringe, anstatt für seinen Ruhestand zu chrampfen.
Dass der Mann neben den vielen Cüpli Zeit gefunden hat, ein paar der erfolgreichsten Schweizer Kinofilme zu drehen, spielt keine Rolle. Am Ende bleiben von uns nur die Cüpli in Erinnerung. Aber gut. Der Mann ist ein Künstler. Vermutlich hat er es nicht anders verdient.
Aber was ist mit der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft? Stramme Mannen, Büezer! Die genau wie unsere Schwinger einem ehrlichen und grundanständigen Handwerk nachgehen. Und erfolgreich sind sie auch. An der Heim-WM haben sie sich sensationell die Silbermedaille erspielt.
Die Euphorie im Land war gross. Fast ebenso gross war nach der Finalniederlage gegen die Finnen auch die Häme. In den sozialen Medien gehört diese fast schon zum guten Ton. Doch schwang in der üblichen Kritik der sogenannten Community auch eine Art Genugtuung mit: Diese Typen sind am Ende genauso Versager wie wir.
Die Community, wie die Leserschaft von den Medien gerne genannt wird, ist natürlich keine. Sie ist das Gegenteil: eben keine verschworene Gemeinschaft, die sich über die Meinung des anderen mitdefiniert, sondern ein Haufen bis ins Kleinste atomisierter Einzelgänger, die lieber eine Flasche Rattengift exen würden, als mit den anderen eine Gemeinschaft zu bilden.
Bis vor kurzem wollten die Menschen vor allem einfach sie selber sein. Jetzt wollen sie etwas anderes sein, nämlich auf keinen Fall wie die anderen. Unser Identitätsbegriff ist noch schmaler geworden. Wer ich bin, spielt keine Rolle. Hauptsache, nicht so wie du.
Was soll das, woher kommt das? Und vor allem: Was bedeutet das für die Sommerferien? Der Sommer, wir wissen es, ist die Hochsaison der unfreiwilligen Nähe und Gemeinschaft: Liegestühle. Fleisch an Fleisch. Überfüllte Busse bei 60 Grad. Flugzeuge, Schiffe, Frühstücksbuffets – Menschen, wohin man schaut.
Wie begeht man eine solche Zeit mit einem solchen Identitätsbegriff? Wenn der Nächste immer der Letzte ist – und zwar der Hinterletzte? Wohin verreisen, wenn überall schon die anderen sind? Wir können doch nicht alle in die Wüste gehen. Dort gehe ich schon hin, also kommen Sie gar nicht erst auf den Gedanken.
So wie es aussieht, haben wir nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir bleiben dieses Jahr zu Hause und verfolgen auf Social Media, wie Beat Schlatter im Sommer seine Cüpli trinkt. Oder wir machen unseren Frieden mit den anderen. Finden uns damit ab, dass sie so sind, wie sie sind. Und wenn wir uns dann auch noch damit abfinden, dass wir so sind, wie wir sind, dann, ja dann. Dann kommt alles gut.
Veranstaltungshinweis: «Blinde Passagiere — oder was es heisst, sich durch die Evolution zu schmuggeln», eine Reflexion über Selektion und Zugehörigkeit von Lukas Linder mit musikalischen Impulsen von Priska Walss (Alphorn / Posaune), Arche 2.0 im Garten der reformierten Kirche Laufen am Rheinfall, 31. Juli, 19 bis 20.15 Uhr. Mehr Infos gibts hier .