Überschätzt

Kunst in der Kirche

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Freitag, 12. November 2021

Noch immer suchen Menschen für einen Gottesdienst oder ein Gebet die Kirche auf. Für den kontinuierlichen Besucherstrom in Gotteshäusern sorgt heute aber die Kunst. Sei es eine Genesis-Lichtshow, eine Buchvernissage, der Jazz-Abend oder Klangkunst: Für Kulturinteressierte und Künstlerinnen ist die Kirche längst unverzichtbar geworden.

Das Gespann von Kirche und Kunst besteht allerdings schon seit sehr langer Zeit. Ohne das kirchliche Mäzenatentum in vorreformatorischer Zeit gäbe es kaum einen Michelangelo, Lucas Cranach, Tilman Riemenschneider, Caravaggio oder wie sie alle heissen. Deren illustrierten Botschaften dienten ab der Renaissance dazu, den Leseunkundigen das Christentum zu vermitteln. Mit den deutschen Bibelübersetzungen verlor diese Kunst aber immer mehr an Bedeutung, worauf sie in die Welt hinausgetragen wurde (und sich dort von der Kirche emanzipierte und seither ein fröhliches Eigenleben führt).

Nun sieht es so aus, dass ebendiese Kunst wieder in die Kirche zurückkehrt. Jetzt aber in einem völlig verweltlichten Zustand und mit einem guten Gespür für Räume und deren Potenziale. Und sie scheint fest entschlossen, die angestaubte Kirche wieder zu einem Ort des öffentlichen Diskurses zu machen. Das alles sorgt in der Kirche für Unruhe. Verfügt sie doch über keine Kunstvermittler, sondern über Seelsorgerinnen. Das Anliegen der Kirche: Sinnsuche, nicht Kunstsinn. Auch ist die Furcht gross, dass sich in der Stille des Raumes immer mehr das Treiben der Welt ausbreitet und der Geist der Anbetung dem Geist der Auseinandersetzung weichen muss. Es besteht aber auch Hoffnung: Was, wenn sich ein Konzertbesucher oder eine Touristin mit dem Architekturführer in der Hand vielleicht doch plötzlich für die Frohe Botschaft begeistert?

Es sind zwiespältige Gefühle, mit denen die Kirche der Kunst begegnet. Im Alltag einer Kirchgemeinde äussert sich das so: Ein hochdekorierter Chorleiter kündigt, weil das Können der singenden Laien ihn langweilt. Oder aber er bleibt und gründet ein ambitioniertes, von Preisen gekröntes Vokalensemble.

Was nun? Rückbesinnung tut gut. Die Kirche sollte frei bleiben von scharfer Leistungsethik, mehr noch, sie muss ein Gegengewicht dazu sein. In ihrem Raum sollen auch in Zukunft Zeichnungen von Konfirmandinnen an Wäscheleinen zu sehen sein und der Kirchenchor, ganz ohne Aussicht auf einen Preis, mit Inbrunst singen dürfen. Sie muss ein Ort sein, wo Menschen Kunst um der Gemeinschaft willen betreiben.