Proust

Jürg Halter 35, Schriftsteller und Künstler

Jürg Halter ist Schriftsteller, Musiker und Performancekünstler. Er hat Auftritte in Europa, Russland, Afrika, den USA und Japan. Zuletzt erschienen seine Bücher «Wir fürchten das Ende der Musik» (Wallstein, 2014) und «Hoffentlich verliebe ich mich nicht in dich» (Edition Patrick Frey, 2014). Im Herbst feiert Halters erstes Theaterstück Weltpremiere.
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Autor: Jürg Halter
Bild: ZVG
Freitag, 13. Mai 2016

Was wäre für Sie das grösste Unglück?

Alles zu wissen. Das wenige, was ich zu wissen glaube, ist schon Überforderung genug.

Wo möchten Sie leben?

Mit dem Kopf über den Wolken und den Füssen in einer Frühlingswiese.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?

Diese Momente. Sie wissen schon. Dieser Blick. Dieses Lachen.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Die, für die sich jemand aufrichtig entschuldigt. Verzeihen ist schön. Auch sich selbst.

Ihre liebsten Romanhelden?

Die zwischen den Zeilen.

Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit?

Eventuell sind Sie es, die Leserinnen dieses Fragebogens! Schicken Sie mir doch bitte unverbindlich Ihre Unterlagen.

Ihr Lieblingsmaler?

Zurzeit mal wieder: Giorgio de Chirico, er lässt mich tanzen.

Ihr Lieblingskomponist?

Die Amsel.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Das Eingestehen und Aushalten seiner Schwächen und Stärken.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Das Eingestehen und Aushalten ihrer Schwächen und Stärken.

Ihre Lieblingstugend?

Das selbstkritische Einstehen für eigene Überzeugungen. Auch gegen den Strom.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Flanierend in den Himmel sehen, ziellos sein, Gespräche nach Mitternacht. Und frühmorgens.

Wer oder was hätten Sie sein mögen?

Ein Halterverbot.

Ihr Hauptcharakterzug?

Liebe und Wut, eine fundamentalistische Form von Ausgeglichenheit.

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Dass sie ihre Türen noch öffnen, wenn ich klingle.

Ihr grösster Fehler?

Mein Anwalt wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.

Ihr Traum vom Glück?

Ich halt mich lieber an Glückchen. Dazwischen esse ich zur Ermutigung Glückskekse.

Was möchten Sie sein?

Die Lücke zwischen dem «n» und dem «?».

Ihre Lieblingsfarbe?

Himmeldunkelblau. Und Liebe.

Ihre Lieblingsblume?

Die mir zugeneigte Wange einer schönen Frau – okay, das ist etwas kitschig. Aber irgendwie auch süss, oder?

Ihr Lieblingsvogel?

Das Rotbrüstchen und manchmal das Vögelchen in meinem Kopf.

Die wichtigste Erfindung der letzten hundert Jahre?

Räume ohne Wi-Fi.

Ihr Lieblingsschriftsteller?

Das Leben. Schrecklich und schön.

Ihre Helden in der Wirklichkeit?

Menschen, die Verantwortung auch gegenüber Fremden zeigen. Und alle, die mit mir auf die Groteske, die sich Leben nennt, anstossen.

Ihre Heldinnen in der Geschichte?

Spontan fallen mir ein: Rosa Luxemburg, Nina Simone, Käthe Kollwitz, Sophie Scholl und Inger Christensen.

Ihre liebste Filmfigur?

Die Titanic, die Gummiente und Odysseus aus «Reisender Krieger».

Ihre Lieblingsnamen?

Das wird schon wieder.

Was verabscheuen Sie am meisten?

Würstchenhaftigkeit.

Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten?

Mit Diktaturen und Religionsfanatikern Handeltreibende. Oh, das sind ja direkt oder indirekt wir alle.

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?

Die, die einen Krieg verhinderten oder möglichst früh und verlustarm beendeten.

Glauben Sie, Gott ist eine Erfindung des Menschen?

Gott ist vielleicht die bewundernswerte Einbildung seiner selbst und der Mensch eine Erfindung des Menschen.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?

Für einen Tag sichtbar werden. Ich ist ein Wanderer.

Wie möchten Sie sterben?

In Frieden.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Wach, um nicht zu sagen: gereizt, um nicht zu sagen: reizend.

Ihr Motto?

So, jetzt reicht’s aber! Herr Proust erwartet mich zum Tee.

Der französische Schriftsteller Marcel Proust (1871—1922) antwortete in der Zeit der Pariser Salons gleich zweimal auf diese Fragen — einmal als 14jähriger, dann noch einmal mit 20. Der Fragebogen gilt als Herausforderung an Geist und Witz und stellt bis heute die grossen Fragen des Lebens.