Proust

Jörg Scheller, 38, Kunstwissenschaftler

Mit einer Studie zu Arnold Schwarzenegger wurde Jörg Scheller 2011 promoviert. Heute forscht der in Stuttgart geborene Kunstwissenschaftler, der auch als Journalist und Bassist eines Heavy-Metal-Duos tätig ist, unter anderem zu den Themen Popkultur sowie Körperkultur mit Schwerpunkt Bodybuilding. Scheller ist Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste.
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Freitag, 16. März 2018

Was wäre für Sie das grösste Unglück?

Selbst nicht grösser zu sein.

Wo möchten Sie leben?

In einem Kraftraum mit angegliederter Bibliothek und Teestube.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?

Sonne. Sencha. Puszcza. Lektüre. Stahl. Liebe. Gitarren.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Die sich entschuldigen, anstatt sich von mir entschuldigen zu lassen.

Ihre liebsten Romanhelden?

Der Hobo aus Kurt Vonneguts Slaughterhouse Five.

Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit?

Rosa Parks. Ruyter Suys. Agnes Chow. Und viele mehr.

Ihr Lieblingsmaler?

Piero di Cosimo.

Ihr Lieblingskomponist?

Lemmy Kilmister, der Gegenpapst des Rock’n’Roll.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Die Stärke, ebendiese nicht ständig zur Schau stellen zu müssen.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Jeder Antwortversuch, den ich aufschrieb, erschien mir dünkel- und gönnerhaft.

Ihre Lieblingstugend?

Sie auch zu leben.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Wenn es gelingt, in der Beinpresse bei der zwölften Wiederholung noch an Adorno zu denken, war es ein guter Tag.

Wer oder was hätten Sie sein mögen?

Wer sagt, dass ich, wenn ich der gewesen wäre, der ich einmal hätte sein mögen, mich nicht danach gesehnt hätte, der zu sein, der ich heute bin?

Ihr Hauptcharakterzug?

Muss noch eine Sitzplatzreservierung kaufen.

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Dass sie es immer noch sind.

Ihr grösster Fehler?

Ich wiederhole ihn.

Ihr Traum vom Glück?

Ich erinnere mich selten an meine Träume. Vielleicht kommt das dem Glück ja nahe.

Was möchten Sie sein?

Für Bodybuilder gilt: sculpo, ergo sum.

Ihre Lieblingsfarbe?

Je nach Gegenstand. Auch in Zitronengelb bleibt der Schlagstock Schlagstock.

Ihre Lieblingsblume?

Eduardo Kacs «Edunia». Ein transgenes Hybrid aus einer Petunie und der DNA des Künstlers. Stellt Vegetarier und Humanisten vor gewisse Probleme.

Ihr Lieblingsvogel?

Der Pinguin. Andere Vögel heben ab. Pinguine bleiben auf dem Boden. Oder tauchen ab.

Die wichtigste Erfindung der letzten hundert Jahre?

Der Powerchord.

Ihr Lieblingsschriftsteller?

Ernest Hemingway.

Ihre Helden in der Wirklichkeit?

Menschen, die dafür Sorge tragen, dass es keine Helden braucht.

Ihre Heldinnen in der Geschichte?

Die Vorkämpferinnen für Frauenrechte.

Ihre liebste Filmfigur?

Terminator 2.

Ihre Lieblingsnamen?

Der Name Gottes: unaussprechlich. Vermutlich polnisch.

Was verabscheuen Sie am meisten?

Die Diktatur der Angepassten. Den heimlichen Extremismus der Mitte. Moralisierende Besitzstandwahrer.

Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten?

Alle Ideologen, die im Namen eines Ismus die Hoheit über die Wirklichkeit reklamierten.

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?

Die, die weitere verhindert haben.

Glauben Sie, Gott ist eine Erfindung des Menschen?

Ich glaube, dass die These, Gott sei eine Erfindung des Menschen, eine Erfindung des Menschen ist.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?

Die Gabe, nicht den Wunsch zu verspüren, natürliche Gaben besitzen zu wollen.

Wie möchten Sie sterben?

In der stolzen Gewissheit, es niemals mit Yoga versucht zu haben.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Wenn du entspannst, kriegen sie dich.

Ihr Motto?

Ein gutes Leben ist die beste Rache.

Der französische Schriftsteller Marcel Proust (1871—1922) antwortete in der Zeit der Pariser Salons gleich zweimal auf diese Fragen — einmal als 14jähriger, dann noch einmal mit 20. Der Fragebogen gilt als Herausforderung an Geist und Witz und stellt bis heute die grossen Fragen des Lebens.