Kübra Gümüşay

Heimattreue

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Donnerstag, 26. Juli 2018

Immer häufiger stellt man mir eine Frage, auf die ich gar keine Antwort haben will. Denn sie führt mich an einen Punkt, vor dem mir graut, an den ich nicht kommen will.

Manchmal wartet jemand nach einem meiner Vorträge darauf, dass die Menschentraube um mich herum kleiner wird, und dann, wenn kaum noch jemand da ist, kommt diese Person näher, lächelt zurückhaltend und stellt mir leise die Frage. Ich kann in diesem Moment nur erahnen, welche Ängste und Befürchtungen die Person zu genau dieser Frage veranlassen. In langen E-Mails erhalte ich dieselbe Frage – häufig nachts, zu später Uhrzeit, wenn die Kinder des oder der Schreibenden schon längst im Bett sind, die Besorgnis jedoch die Person, die mir schreibt, um den Schlaf bringt.

Immer öfter fällt diese Frage auch abends unter meinen Freundinnen und Freunden. Irgendwann, wenn wir lange genug beisammengesessen haben, gemeinsam gelacht, uns über Oberflächlichkeiten und Banalitäten unterhalten haben, ist Zeit, um «Klartext» zu reden. Wobei es in den letzten Monaten immer weniger lange dauerte, bis jemand tief einatmete und die Frage in den Raum stellte. Ungemütlich wird es dann. Die Mundwinkel fallen. Es ist mir so unangenehm dramatisch. Ich will diese Angst nicht. Ich will mich nicht damit beschäftigen. Ich will verdrängen. Solange es geht. Doch wie lange ist «solange es geht»? Es fällt mir immer schwerer, diese Frage nicht auszusprechen.

Wann ist der Punkt gekommen, an dem die Zukunft so ungewiss, die Ungewissheit wiederum so furchterregend ist, dass es besser wäre, ohne viel Aufsehen Deutschland, meine Heimat, zu verlassen? Der Punkt, an dem Hoffnung zu Naivität und Optimismus zu Zynismus wird? Woran erkenne ich diesen Moment?

Vielleicht, wenn ein Mob vermeintliche Ausländer jagt? Wenn Geflüchtetenunterkünfte brennen? Wenn Synagogen und Moscheen angegriffen werden? Wenn eine rechtsextreme Terrororganisation jahrelang unbehelligt Menschen ermordete? Wenn der Verfassungsschutz eine rechtsextreme Partei deckt und rechte Gewalt relativiert? Wenn eben jene Partei im Bundestag sitzt? Wenn ein Bundesinnenminister zum Amtsantritt die nationale Zugehörigkeit der Muslime in Frage stellt? Wenn ein fremder Anzugträger am Flughafen grundlos auf dich zusteuert und mit voller Wucht deinen Kinderwagen umschmeisst? Und dein Kind das nur deshalb unbeschadet übersteht, weil es, gerade erst wenige Wochen alt, tief und fest im Tragetuch an deiner Brust schläft, versteckt unter deinem Mantel? Vielleicht dann? Alles geschehen.

Noch weigere ich mich, mein Herz für diese Frage zu öffnen, denn es fühlt sich ein bisschen wie Untreue an. Wie wenn ich in einer Partnerschaft wäre, bei der ich mich nicht ganz festgelegt hätte und immer nach aussen schielte, weil ich innerlich bereits mit dieser Partnerschaft abgeschlossen hätte. Und ich mich deshalb nur noch fragte: Wann soll ich hier raus?

Doch ich habe mit meiner Heimat nicht abgeschlossen. Weil ich Deutschland noch nicht aufgegeben habe. Nicht aufgeben will. Weil ich hoffe, dass sich die vielen Nicht-Betroffenen und Betroffenen in meiner Heimat jetzt und jeden Tag fragen: Wann sind sie, diese Anfänge, denen wir wehren müssen? Denn auf diese Menschen und diese Frage und die Bereitschaft, diesen Hass zu stoppen, zähle ich.