Sibylle Lewitscharoff

Gottesanbeter Salvini

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Freitag, 13. September 2019

Wer sich wie der Politiker Matteo Salvini zu sehr als Gottesanbeter aufspielt, riskiert sein Leben – allerdings nicht als Märtyer, sondern als Opfer der eigenen Eitelkeit, schreibt Sibylle Lewitscharoff.

Der italienische Politiker Matteo Salvini zeigt sich derzeit besonders gern mit nackter Urlauber­brust, während von seinem Nacken das Kreuz am goldenen Kettchen herabhängt. Er sei ein besonders intensiver Gottesanbeter, will uns der Mann damit sagen. Ich darf Ihnen persönlich davon abraten, Herr Salvini, sich mit dieser Zier allzu oft zur Schau zu stellen, denn mit den Gottesanbetern hat es – zumindest in der Natur – eine seltsame Bewandtnis.

Ich spreche von der Gattung der Gottesanbeterin, die in der Ursprungssprache Ihres schönen Landes den hübschen Namen Mantis religiosa trägt, weil sie ihre spindeldürren Ärmchen, die im Grunde starke Fanggeräte sind, bisweilen flehend gen Himmel reckt und dabei eine besonders andächtige Haltung einnimmt. Man möchte darüber in Entzücken geraten und ihm, dem weiblichen Tier, dann am liebsten ein feines, kleines Kreuzlein um den Hals hängen.

Die Lage ändert sich, wenn sich ihr ein etwas zarter gebauter Gatte nähert. Er schwebt beim Akt in grosser Gefahr. Zweifellos hinkt ab jetzt der Vergleich, denn Sie sind ein kraftstrotzender italienischer Pracht­kerl und kein fragiles, mit nonnenhaften Flügeln bewehrtes Männchen, das, sobald es einer begehrens­werten Schönen ansichtig wird, mit den Flügeln krampf­haft zu zittern beginnt und sich auf ihren Rücken schwingt, nur, um alsbald sein Haupt zu verlieren.

Denn es kommt vor, dass die äusserst beisstüchtige Mantisfrau während der Begattung den Kopf herumdreht und das Köpfchen des Männchens abreisst, während dessen Rumpf noch flott den Akt fortführt.

Anbetung hin oder her, damit endet natürlich jeglicher Vergleich mit Ihnen und dem vor Ihrer Brust baumelnden Kreuz. Sie geraten angesichts einer geflüchteten Afrikanerin gewiss nicht ins Zittern, schwingen sich todsicher nicht auf ihren Rücken, bis die Schöne sich mit funkelnden Augen herumdreht und Ihnen den Kopf abbeisst. Überhaupt hat man Sie noch nie in vibrierender, geschlechtsaktvorbereitender Haltung filmisch verewigt. Wie gesagt, Sie sind ein Prachtkerl, ein italienischer Prègo-Dieu aus Fleisch und Blut! Denn davon legt das Kreuz auf Ihrer nackten Brust beredtes Zeugnis ab.

Lassen wir nun den italienischen Politiker aus unseren Fängen. Bleiben wir aber noch ein Weilchen bei diesem sagenumwobenen Insekt, das der französische Naturforscher Jean-Henri Fabre einst so wunderbar beschrieben hat, denn wahrlich, die Gottesanbeterin huldigt dem Gott des Gemetzels. Zwei Gottesanbeterinnen hat Fabre zusammengesperrt und beobachtet, was passierte. Gespensterposen wurden eingenommen, mit erhobenen Enterhaken gedroht, mit den Flügeln gezischt.

«Das Puff, Puff der gegen den Hinterleib reibenden Flügel ist das Zeichen zum Angriff. Dann schnellt ein Enterhaken in voller Länge heraus und harpuniert die Rivalin. Oft endet es tragisch. Dann sehen wir alle Phasen eines gnaden­losen Kampfes. Die Raubbeine entfalten und heben sich. Wehe der Besiegten! Sie wird in den Schraubstock gespannt und angebissen, natürlich am Genick. Die scheussliche Prasserei verläuft so friedlich, als würde ein Heuhüpfer zerkaut.»

Liebend gern hätte ich nun den Bogen geschlagen zu den islamistischen Gottesfanatikern heutigentags. Man kann von diesen Leuten allerdings nicht behaupten, dass sie ihre Gegner mittels der eigenen Zähne ins Genick bissen. Sie haben ihre eigenen Methoden, zu denen beispielsweise gehört, Angehörige einer anderen Religion in einer Reihe niederknien zu lassen und durch Kopfschüsse zu erledigen. Was natürlich immer noch weniger spektakulär ist, als es richtig ordentlich krachen zu lassen und eine möglichst grosse Zahl von Menschen, gleichgültig, zu wem sie nun beten oder ob sie überhaupt beten, in den Tod zu reissen und mindestens ebenso viele von ihnen zu verstümmeln.