Überschätzt

Glockengeläut

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Freitag, 13. August 2021

Gott schweigt, oft zum Leidwesen der Menschen. Umso lauter tönen seit Jahrhunderten die Kirchenglocken. Im Nachgang eines jeden Glockenschlags soll seine Herrlichkeit anklingen. Die Glocken vertreiben aber auch unsere Ängste wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde, das besagt: «Wir sind hier! – Herr erhöre uns!» Doch je mehr Menschen sich vom Glauben entfernen, und das sind bekanntlich nicht wenige, stösst das Gebimmel auf Gegenwehr. Längst vorbei sind die Zeiten, als der religionskritische Heinrich Heine noch versöhnlich dichtete: «Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute.»

Penibel messen heute manche Schweizerinnen und Schweizer jedes Dezibel. Die Facebook-Seite «Volksinitiative gegen sinnloses Glockengeläut» postet mit viel Eifer Berichte von Glockenlärm-Beschwerden. So soll sich in Davos ein Ferienwohnungsbesitzer beim Tourismusbüro darüber beklagt haben, dass der doppelte Stunden-Glockenschlag der Kirche seine Gäste am Einschlafen hindere und diese dadurch fernbleiben könnten. Wo Glocken dem Geschäft schaden, da hört der Spass rasch auf (in der Schweiz vielleicht noch ein bisschen rascher als andernorts).

Jedenfalls haben die Lärmklagen säkularer Menschen ihre Wirkung nicht verfehlt. Dies zeigt die Reaktion der Evangelischen Kirche Schweiz. Ganz dem Zeitgeist verpflichtet liess sie verlauten: «Glocken als Zeitangabe sind ein Dienst an der Öffentlichkeit und keine kirchliche Notwendigkeit.» Ohne Not hat der schweizweite Verbund der reformierten Kirchen damit den Stundenschlag preisgegeben. Nun könnte man einwenden: Im Smartphone-Zeitalter brauche sowieso niemand das kirchliche Glockengeläut, um zu merken, welche Stunde geschlagen hat. Das stimmt natürlich. Dann stimmt es aber auch, dass sich das liturgische Läuten für Menschen, die sich weder taufen noch konfirmieren lassen, erübrigt.

Seit sehr langer Zeit ist für uns Menschen das Läuten der Glocken die Begleitmusik auf dem Weg zwischen Wiege und Bahre. Sie erinnert uns unentwegt daran: Bedenke Mensch, du bist sterblich. Selbst hartgesottene Glocken-Gegner wollen an ihrer Hochzeit aus dem Glockenstuhl ein kräftiges Geläut vernehmen. Wie schön, dass der Klang der Glocke sich sogar in deren Herz eingenistet hast. Gerade deshalb wäre von den Kirche mehr anwaltschaftlicher Kampfgeist für ihre Glo­cken gefragt. Da spielt es auch keine Rolle, dass das Läuten zum Gottesdienst sowieso vom Recht der freien Religionsausübung geschützt ist. Denn inzwischen wissen alle: Gott lässt sich ohne Probleme leiser ins Gedächtnis rufen. Dafür braucht es nicht das Schlagen eines Klöppels an die Glockenwand.

BILD: RAWPIXEL