Kübra Gümüşay

Gegen den Schlaf

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Freitag, 21. April 2017

Es gibt zwei Sorten von Menschen. Wache und schlafende. Jene, die wissen, dass unsere Gesellschaft, diese Welt sich wandeln, verändern kann. Und jene, die meinen, der Status quo sei unveränderlich, der Status quo sei ein Status perpetuum.

Viele Jahre glaubte ich, die erste sei die einzige Sorte. Wie sonst, fand ich, lässt sich leben auf dieser Welt, wenn es nicht die Hoffnung gibt, dass sie eine bessere werden kann? Heute denke ich: Wie soll es sonst gehen für Menschen wie mich, die als Teil einer marginalisierten Gruppe in dieser Gesellschaft aufwachsen – wenn sie nicht abstumpfen, verbittern oder sich intellektuell abkapseln wollen?

Der Glaube an die Veränderlichkeit, an Wandel, die Hoffnung auf eine bessere Welt, ist stets Grundlage meines Handelns, meiner Arbeit gewesen. Feministin, Aktivistin wird man nicht, wenn man meint, es sei gut so, wie es ist. Und man kann sich nicht engagieren, nicht handeln, wenn man nicht ein Fünkchen Hoffnung in sich trägt.

Denn Handeln ist ein Kompromiss zwischen den Idealen und der Realität. Handeln ist der Versuch, eine Brücke zwischen eben jenen Idealen und der gelebten Realität zu schlagen. Handeln ist der Glaube, dass man sich diesen Idealen, dem Traum einer besseren Gesellschaft, nähern kann.

Irgendwann – es ist ein schleichender Prozess mit vielen kleinen Aha-Momenten – erkennt man, dass es Menschen gibt, die nicht von einer besseren Welt träumen. Menschen, denen der Status quo so guttut, dass sie sich eine andere Welt gar nicht vorstellen können – und möchten. Menschen, die keinen Bedarf darin sehen, Dinge zu verändern. Menschen der zweiten Sorte.

In dem Dokumentarfilm Where to invade next? bereist der amerikanische Filmemacher Michael Moore verschiedene Länder dieser Welt. Stellvertretend für die USA will er andere Länder ausnahmsweise mal nicht für natürliche Rohstoffe – ergo: Öl, Gas und Co. – überfallen, sondern für ihre Ideen und alternativen Gesellschaftsstrukturen. So stellt er Schwedens Gefängnissystem vor – ein System so abseits dessen, was wir hierzulande gewohnt sind, dass es einem mitunter abstrus, gar irrsinnig erscheint. Statt hinter hohen Mauern, umzäunt von Stacheldraht und mit schwerbewaffnetem Sicherheitspersonal, leben die schwedischen Insassen auf einer Insel, in ihren jeweils eigenen Häusern und Haushalten, beschenkt mit Meeresaussicht und umgeben von saftigem Grün. Erklärtes Ziel schwedischer Gefängnisse sei nicht Stigmatisierung, sondern die Resozialisierung der Insassen, um Wiederholungstaten vorzubeugen. Damit sind die Schweden relativ erfolgreich.

Perplex war ich. Einen derart fundamental anderen Umgang mit Straftätern zu erdenken wäre mir nie in den Sinn gekommen. Und überwältigt war ich. Überwältigt von der Erkenntnis, wie gefangen ich bin im Status quo. Wie gefangen in der Box, ausserhalb derer zu denken eine Mühsal ist. So fragte ich mich: Was übersah ich womöglich noch? Wofür war ich nicht wach genug? Was hielt ich noch für selbstverständlich? Die Zukunft, die Hoffnung auf eine bessere Welt. Dass wir offener, toleranter, friedlicher und besonnener werden.

Doch nichts garantiert mir, dass die Zukunft eine bessere wird als die Vergangenheit. Nichts. Denn nicht alle Menschen, die um die Veränderlichkeit dieser Welt wissen, wollen sie zu einer besseren für alle machen. Auch Rechtspopulisten sind wach, auch sie glauben an einen Wandel, an eine andere Zukunft. Aber es ist eine Zukunft, in der Menschen wie ich keinen Platz haben. Eine Zukunft, die Menschen wie mich nicht vorsieht.

Das letzte Jahr war das erste Jahr, in dem mir der Blick auf die Zukunft Angst machte. In dem meine Hoffnung, die Grundlage meines Handelns, schwand. Es war eine Angst, die derart entmachtend und lähmend sein kann, dass sie Menschen in einen tiefen Schlaf zu stürzen droht.

Meine Augen waren fast geschlossen, als ich die anderen ihre öffnen sah. Menschen mit Bewusstsein für Wandel – und mit der Hoffnung auf eine bessere Welt.