
Das Gedicht der deutschen Lyrikerin Daniela Danz beginnt mit einem vertrauten Bild. Doch steht dieses auf dem Kopf. Noch ein Rest Schnee, obwohl schon die Sonne scheint, würde man erwarten. Bei dieser Heimkehr nach langer Abwesenheit, stimmt etwas nicht. Wer hier nach Hause kommt, erfährt der Leser in einer Anmerkung: «Der heilige Alexius von Edessa verzichtete auf Reichtum und Ehe, um ein Leben in Armut und Frömmigkeit zu führen. Nach Jahren der Pilgerschaft kehrte er in sein Elternhaus zurück und lebte dort unerkannt von seiner Familie als Bettler unter der Treppe.» Alexius lebte im 5. Jahrhundert nach Christus im antiken Edessa in der heutigen Türkei und gilt unter Katholiken noch heute als Schutzpatron der Pilger und Bettler.
Als Odysseus nach Ithaka zurückkehrte, erkannte ihn als erster sein Hund, und zwar freudig. Alexius wähnt sich dagegen als erstes von der Tür erkannt und hört in ihrem Knarren einen Vorwurf. Ob er wohl Schuldgefühle hat? Er ist als junger Mann seiner religiösen Berufung gefolgt und hat sein Leben in Gottes Dienst gestellt. Doch dafür hat er ein gut bestelltes Haus und sogar seine frisch angetraute Ehefrau verlassen.
In der kurzen mittleren Strophe des Gedichts passieren rätselhafte Dinge. Das Haus ist verrückt, im wahren Wortsinn, als werde es nicht nur von Alexius, sondern zugleich von einem weiteren, einem unfasslichen Wesen heimgesucht. Im Kissen, das sich «aus der Welt» träumt, spiegelt sich zudem die Geschichte von Alexius, der sich gleichsam selbst aus der Welt entfernt hatte – aus der Welt der weichen Kissen, der unterhaltsamen Bücher und der silbernen Gabeln.
Nun lebt er unter der Treppe der Villa, deren Herr er hätte sein können, missachtet und gedemütigt sogar vom Dienstpersonal. Die «Drift des Tags» ist ein Motiv, das auf den weiteren Zusammenhang von Daniela Danz’ aktuellem Gedichtband «Portolan» verweist, in dem sich vieles um die Schifffahrt und das Meer dreht. Portolane hiessen die historischen Seekarten. Hier ist die «Drift» das Bild für die Betriebsamkeit des Lebens in den Konventionen, im Überfluss und in Blindheit. Die herumeilenden «Bewohner» – das sind Alexius‘ Familie und seine Ehefrau – gehen durch ihn hindurch.
Danach fährt der Satz kommalos und gleichsam atemlos fort. Alexius will schnell weiter. Denn an dieser Stelle lauert ein Schmerz, den auch der Heilige nicht leicht wegsteckt. Die einstigen Liebsten erkennen ihn nicht mehr. Und dies nicht etwa nur wegen seines Barts oder der Bettlerkleider. Sie können ihn nicht erkennen, den Heiligen, der ihrer Welt entrückt ist.
Und so kommt der heilige Alexius, der 17 Jahre in Einsamkeit zugebracht hat, in ein unruhiges Grübeln. Er ist zurück und doch nicht richtig da. War er denn überhaupt je da? Hat er vielleicht noch gar nie richtig dazugehört. Oder ist er heute ein anderer als jener, der einst hier aufwuchs? Jedenfalls ist der Heimgekehrte hier nicht zuhause, denn der Heilige ist nicht der Sohn, Erbe und Bräutigam, und er kann es auch nicht «noch einmal werden». Ob dies trotzdem die leise Hoffnung war, die Alexius zurückführte, bleibt im Gedicht ebenso offen wie in den verschiedenen Versionen seiner Legende.
Daniela Danz‘ Gedicht fokussiert auf einen einzigen Moment aus dem langen Leben des Alexius von Edessa und deutet an ihm eine Einsicht an, die gewiss nicht nur für Heilige gilt. Wer der Welt einmal abhanden kommt, der findet vielleicht nie wieder in sie zurück. Daran könnte man erinnert sein, wenn man das nächste Mal an einem Bettler vorbeigeht.
Daniela Danz: «Portolan. Gedichte», Wallstein, Göttingen 2025, 96 Seiten.