Die Welt im Gedicht

Amerika für Erleuchtete

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Dienstag, 23. Juni 2026

Jack Kerouacs Gedicht hat eigentlich keinen Titel. Überschrieben ist es mit «51. Chorus». Es ist ein Abschnitt aus dem buchlangen Gedicht «Mexico City Blues», in dem Kerouac auf literarische Weise versucht, die Blues-Improvisation eines Jazzmusikers nachzuempfinden. Jede Seite seines Notizbuchs ist gleichsam ein «Chorus» von einem langen Blues, also ein Durchgang durch die typische 12-taktige Akkordfolge dieser urtümlichen Songform, die von Jazzmusikern aller Epochen gepflegt wurde.

Und wie ein Jazzmusiker schuf auch Jack Kerouac (1922-1969), der prominenteste Autor der Beat-Generation, sein Werk spontan aus dem Moment heraus. Er änderte hinterher nichts mehr daran, auch nicht mit Blick auf die Publikation, so wie er es auch mit seinen Prosawerken, etwa der berühmten Road-Novel «Unterwegs» hielt. Rechtschreibefehler ignorierte er genauso wie sachliche Fehler. Auch wenn der Satzbau seiner Ergüsse unklar war und der Gedankengang deswegen rätselhaft, störte ihn das nicht. Das Live-Solo des Saxophonisten ist schliesslich auch nicht restlos verständlich und kann im Nachhinein ebenso wenig geändert werden.

«Mexico City Blues» wurde 1959 veröffentlicht, doch es entstand bereits im Sommer 1955 in Mexico City. Gut möglich, dass Kerouac den 51. Chorus am 4. Juli, dem Amerikanischen Unabhängigkeitstag, notiert hat und deswegen das Thema des Traums von Amerika aufgreift. Unter dem «amerikanischen Traum» versteht man im engeren Sinn die Idee, dass es in Amerika jeder Mensch zu Erfolg bringen kann. Wobei Erfolg üblicherweise wirtschaftlich gemeint ist.

Jack Kerouac strebte weder nach Reichtum noch nach anderen bürgerlichen Idealen wie einem geregelten sesshaften Leben mit Frau und Kindern. Er führte ein wildes, atemloses Leben und war vor allem daran interessiert, Eindrücke aufzusaugen, die er in seinem Schreiben verarbeiten konnte. Wenn er einen Traum hatte, dann den vom Anerkanntwerden als Schriftsteller.

In seinem Impromptu erklärt er nun den Traum von Amerika als «zulässig», doch mit einer Kaskade von Nachsätzen, die ihn ins Lächerliche zu ziehen scheinen. Ausgerechnet die verfeindeten Russen und noch dazu Ameisen und Maultierbabys sollen ebenfalls «Amerikas haben». Einen Traum also, den alle Lebewesen teilen, kann Kerouac gutheissen. Vielleicht in einer sehr fortschrittlichen Auslegung der berühmten Formulierung aus der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, in der das Recht aller Menschen auf Leben, Freiheit und die Suche nach dem Glück postuliert wird?

Die nachfolgende grotesk überzeichnete Skizze einer rustikalen südländischen Gesellschaft voller Liederlichkeit, Promiskuität und Drogen speist sich vermutlich aus Kerouacs Eindrücken von Mexiko. Sie ist ein absolutes Gegenbild zu den Idealen der fleissigen und prüden US-Gesellschaft der 1950er-Jahre.

Ein Auge im Universum, so heisst es am Schluss, «ist Tathagatas / Transzendentales / Ballongestirn». Auf diese aberwitzigen und widersprüchlichen Formen des Glücksstrebens, des angeblichen amerikanischen Traums, gibt es nun eine kosmische Perspektive. Es ist die Sicht von Tathagata, dem erleuchteten Buddha. Und der weiss: Die Welt ist ein Ballon, alles irdische Streben ist zwecklos, und Träume sind grundsätzlich nicht «zulässig». Auch nicht jener mit dem Namen Amerika.

Zum Weiterlesen:

Jack Kerouac, «Mexico City Blues», Penguin Classics 2019, 252 Seiten.

Die deutsche Erstübersetzung von Florian Bissig erscheint im Frühjahr 2027 bei Moloko Print.