Mein Marti

früelig

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Autor: Franz Hohler
Dienstag, 31. Januar 2017

früelig

hahnefuess und ankeballe
früelig trybt scho schtyf
liechti rägetropfe falle
radioaktiv

härzig öigt dr erscht salat o
wie ne gwunderfitz
aber warschaupakt und nato
näme kei notiz

Kurt Marti, früelig. In: Namenszug mit Mond. Gedichte ©1996 Nagel&Kimche im Carl-Hanser-Verlag München

Dieses Gedicht ist mir sofort hängen geblieben, weil es Regeln bricht. Hahnefuess und Ankeballe locken uns auf die Fährte von Mundartklassikern ins Refugium der Idylle, wo die Natur sich selbst feiert. Auch die leichten Regentropfen gehören durchaus zum Repertoire der älteren Dialektlyrik, sie nähren die Erde, in ihnen ist stets das Versprechen enthalten, dass danach wieder die Sonne strahlt.

Und erst in der letzten Zeile kommt der Hammer, nämlich dass nicht die Sonne strahlt, sondern der Regen.

Der nächste Vers nimmt den Schrecken am Anfang wieder etwas zurück, indem er nochmals tief ins bluemete Mundarttrögli greift, mit «härzig» und «öigt» und «gwunderfitz», allerdings trauen wir dem Frieden nicht, zu Recht, denn dann stehen auf einmal die Kriegsgötter da, die jederzeit bereit sind, loszuschlagen und ihr unheilvolles Arsenal zu entfesseln, von dem die leichten radioaktiven Tropfen nur die Vorboten waren.

Hier wird die lyrische Regel gebrochen und durch eine andere ersetzt, durch die Regel des Witzes, die uns mit einer unerwarteten Wendung zum Lachen bringt; ein Reim wie «salat o» und «nato» ist im Vordergrund kabarettistisch, im Hintergrund satirisch. Kabarett erzeugt Lachen, Satire erzeugt Schmerz, und was stehen und hängen bleibt, ist die Gleichgültigkeit des Krieges der Natur gegenüber, die fundamentale Bedrohung von Hahnefuess und Ankeballe durch den Menschen.