Nora Gomringer

Freunde verlieren schmerzt – umso teurer sind die, die bleiben

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Freitag, 20. März 2020

Sie habe Freunde durch den Tod, durch die Verweigerung von Gefälligkeiten oder den Beitritt in die katholische Synode verloren, schreibt Nora Gomringer. Zeit, die verliebenen Freunde zu feiern.

In den letzten Monaten habe ich Freunde verloren. Etwa durch den Tod. Wenn der Tod kommt, gibt’s nur Ja und Amen und dazwischen Kübler-Ross. Sie erinnern sich noch? Die fünf Phasen des Sterbens. Wenn der Tod für einen jungen Menschen kommt, gibt es dazu eine ordentliche Depression für die Co-Morbiden, also alle, die ebenfalls betroffen sind, die Herzgebrochenen, Elenden, Schlechtschlafenden, Nichtsesser, Vieltrinker, Tagheuler, Nachtgreiner, die Ausgeleerten und Unendlichmüden. Wenn er für Liebende oder für die kommt, die sich nicht aussprechen konnten, bevor er kam und sie auseinandergerissen hat ohne Warnung, ist das alles noch schlimmer; schlimmer noch, weil die Worte fehlen, das Leiden zu beschreiben. Für lange, lange Zeit.

Ich habe auch Freunde verloren durch die Verweigerung von Gefälligkeiten. Wenn einer es gewohnt war, einen anderen auszunützen, es genossen hat, eine Abhängigkeit zu züchten wie ein Pflänzchen, und so eine Hurra-Hortikultur nun verdorren sieht, wird er wütend und bösartig, wird er fordernd und fies. Wie sehr man enttäuscht und wen, das erfährt man recht schnell und umfassend, weil mit jedem Ausdruck von Enttäuschung auch mindestens ein Kapitel der Lebensgeschichte mitgeliefert wird. Ungefragt umfassend erzählen einem die Enttäuschten alles, was sie bewegt. Reagiert man nicht adäquat – und adäquat ist, was sie für angemessen halten –, wird es unangenehm, verletzend, auch mal bedrohlich. Der Ton wird eiskalt, es gibt nur die richtige und die falsche Seite, kein Dazwischen.

Ich habe aber auch Freunde verloren durch meinen Beitritt zur Synode in Frankfurt. Denn wenn einer hört, dass man «mitmacht bei der Kirche», dann wird es mitunter lebensbedrohlich für die Freundschaft. Bis zum Herbst 2021 wird die Synode über grosse, bewegende Themen im Inneren der katholischen Kirche diskutieren. Insgesamt vier Mal werden wir uns in Frankfurt treffen und die Rolle der Frau und die ihr zugedachten Ämter in der katholischen Kirche besprechen, die Lebensrealität der Priester heute diskutieren, Macht und Sexualmoral.

Beim ersten Treffen, dem ich nur halb beiwohnen konnte, hörte ich schon Erstaunliches: Eine Ordens­schwester, die zur Genauigkeit in der Sprache mahnte und die Versammlung von 250 Menschen darauf hinwies, dass sie vielleicht auf Sex verzichte, sicher aber nicht auf die ihr eigene Sexualität und sie diese lebe, wie jeder andere Mensch auch. Das war ein toller Beitrag, der ins Stocken brachte und danach wieder ein Fliessen ermöglichte. Ein junger Mann sprach offen über den ihm in der Kirche widerfahrenen Missbrauch und sein Suchen nach einem Platz in der Welt, in seiner Gemeinde, und er sprach auch von seiner Wut über den Umgang der katholischen Kirche mit den Verbrechen der Vergangenheit und Gegenwart.

Was viele nicht wissen über die Versammlung: Die Bischöfe und alle Mitglieder der Versammlung sitzen in alphabetisch organisierten Reihen. Man erschrickt anfangs ein bisschen, wenn «grosse Tiere» wie Bischöfe und Kardinäle in den hinteren Reihen auftauchen bei W und Z, aber man weiss ja – aus vielzitierter Quelle –, dass die Letzten die Ersten sein werden. Und wenn einem das bewusst wird, dann kann man beten und hoffen. Denn manch Letzter … Nun. Ich werde die Freundinnen und Freunde, die mir bleiben und diese Schritte mit mir gehen, hochhalten.