Kübra Gümüşay

Etwas mehr Nachsicht mit Gleichgesinnten, bitte

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Freitag, 03. März 2017

Kürzlich sass ich in Berlin in einer Runde mit Gleichgesinnten – links-grün versifften Gutmenschen also. Als ich erzählte, über welche Themen ich schreibe, sprang eine ältere Frau bei dem Stichwort «Rassismus» auf und holte aus: Sie wisse genau, was Diskriminierung sei, sie trage schliesslich eine Brille.

Deshalb würde sie auch hin und wieder diskriminiert. Das dürfe natürlich nicht sein, aber es passiere nun einmal allen. Sie meinte das ernst.

«Nun, sicherlich erleben alle Menschen in unterschiedlichen Situationen Diskriminierung, doch es gibt darüber hinaus auch strukturelle Diskriminierung», erklärte ich, bemüht um Geduld. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass sie eine Wohnung wegen ihrer Brille nicht bekäme, sehr viel wahrscheinlicher aber wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder der Religion. Die Frau wollte das nicht verstehen.

Und ich wollte, ehrlich gesagt, auch nicht mehr diskutieren. Denn sie war eine engagierte Frau, die sich seit Jahren für Menschen mit Behinderung einsetzt. Sie gehört zu jenen Menschen, deren Herzen am rechten Fleck schlagen. Die sich mit den Missständen in unserer Gesellschaft beschäftigen, denen die aktuellen politischen Entwicklungen grosse Sorgen bereiten, die sich über Diskriminierung empören – wenn auch mit einer etwas verkorksten, undurchdachten Sicht darauf.

Kurz: Ich wollte sie mögen. Also bat ich darum, das Thema zu wechseln. Meine Stehnachbarin ergriff die Gelegenheit, und wir sprachen in unserer Runde über Recycling und die Vermeidung von Abfallproduktion. Ich war erleichtert, hatten wir das Stichwort gewechselt.

Später am Abend im Taxi schüttelte eine Freundin entrüstet den Kopf. Sie ist eine gutmütige, humorvolle Künstlerin und engagiert gegen Rassismus. «Ich muss das jetzt mal rauslassen», sagte sie. Sie war derselben Gesprächspartnerin begegnet wie ich, nur dass die ältere Frau dann mittlerweile stark angetrunken war und niemand auf die Versuche meiner Freundin, das Thema zu wechseln, eingegangen war. Ähnlich wie ich versuchte meine Freundin ihr den Rassismus zu erklären. Sie diskutierten. Bis zu dem Punkt, als die ältere Frau die Glaubwürdigkeit meiner Freundin in Frage stellte – ausgerechnet weil sie ausländischer Herkunft sei: Sie bezichtigte sie mangelnder Bildung. So eskalierte die Situation, und meine Freundin war zu Recht wütend. Es war ihr nahegegangen. Ich konnte sie verstehen. Sie hatte absolut recht mit ihrem Ärger. Aber ich sagte ihr auch: «So traurig es ist: Die Runde, in der du heute sasst, das waren noch die guten Leute. Diejenigen, die politisch auf unserer Seite stehen.» «Ja, gerade deshalb verletzt es mich so», antwortete sie. «Lass das nicht zu», sagte ich. «Aus Selbstschutz.»

Unterdessen fragte ich mich: Muss die Frau überhaupt das gleiche Wissen über Rassismus besitzen wie wir – wir, die Aktivistinnen, wir, die Engagierten gegen Rassismus? Nein, eigentlich nicht. Es hätte mir vollkommen ausgereicht, wenn sie rassistische Bilder nicht reproduziert hätte.

Wir leben in Zeiten, in denen Rechtspopulisten mit rassistischen Thesen erfolgreich auf Wählerfang gehen. In diesen Zeiten täte es uns allen gut, wenn wir denjenigen, die mit uns am gleichen Strang ziehen, etwas mehr Wohlwollen und Geduld entgegenbrächten. Ich sage nicht, dass wir abstumpfen sollten oder gar blind werden für die vielen kleinen, aber konstanten Verletzungen im Alltag. Im Gegenteil. Aber ich wünsche mir, dass wir diejenigen, die im Grunde auf unserer Seite sind, nicht grob dem gleichen Lager zuordnen wie diejenigen, die ihren Rassismus offen und bewusst leben.

Nur das wird uns erlauben, uns in unserer Pluralität zu vereinen. Die eigentlich wichtige Frage lautet deshalb: Was ist unverhandelbare Grundlage – und was ist Detail?

Mir hat es geholfen einzusehen, dass meine Expertise ein absolutes Privileg ist. Mein Wissen dient mir als Autorin und Aktivistin als Werkzeug, um Missstände zu begreifen, sie zu benennen, an Lösungen arbeiten zu können. Und um meine Erkenntnisse in Geschichten zu giessen.

Viele Menschen haben nicht die Möglichkeiten, sich mit den Diskriminierungen in unserer Gesellschaft eingehend zu beschäftigen, sie gründlich zu durchdenken und einzuordnen. Diese Einsicht ermöglichte mir, weniger hart mit meinen Mitmenschen ins Gericht zu gehen, mich weniger verletzt zu fühlen, wenn jemand, der mir wichtig war, sich unbeabsichtigt rassistisch oder sexistisch äusserte. Seien wir nachsichtig und geduldig mit Gleichgesinnten.

Andernfalls wird unser Wissen zu unserem Gefängnis. Eine unsichtbare Mauer zieht sich leise zwischen uns und die Menschen um uns herum. Eine Welt, in der unsere Pluralität zur Schwäche wird. Eine Welt ohne Gleichgesinnte.