Krieg reformuliert

Ein Zitat aus einen Buch von André Gide

1947 erhält der französische Schriftsteller André Gide (1869–1951) den Literaturnobelpreis. Obwohl er gerungen habe mit seiner puritanischen Erziehung, heisst es in der Laudatio, habe er doch sein ganzes Leben den grundlegenden Fragen von Moral und Religion gewidmet und gelegentlich mit seltener Reinheit die Botschaft christlicher Liebe verkündet.
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Illustration: Jannis Pätzold
Freitag, 17. November 2017

1947 erhält der französische Schriftsteller André Gide (1869–1951) den Literaturnobelpreis. Obwohl er gerungen habe mit seiner puritanischen Erziehung, heisst es in der Laudatio, habe er doch sein ganzes Leben den grundlegenden Fragen von Moral und Religion gewidmet und gelegentlich mit seltener Reinheit die Botschaft christlicher Liebe verkündet. Erstmals wird Gides Auseinandersetzung mit der reformierten Tradition im Roman La Porte étroite aus dem Jahre 1909 erkennbar. Der Titel, die enge Pforte, ist eine Anspielung auf die Bergpredigt (Mt 7,13–14).

Ich stehe vor Alissas Tür. Ich warte einen Augenblick.
Lachen und Stimmengewirr dringen vom unteren
Stockwerk herauf; und vielleicht wurde mein Klopfen
davon übertönt, denn ich höre keine Antwort. Ich
stosse die Tür auf, die lautlos nachgibt. Das Zimmer
ist bereits so dunkel, dass ich Alissa nicht gleich
bemerke; sie kniet am Kopfende ihres Bettes, mit dem
Rücken zum Fenster, durch das ein verlöschendes
Tageslicht fällt. Sie dreht sich um, als ich mich
nähere, jedoch ohne sich zu erheben; sie murmelt:
«Oh! Jérôme, warum kommst du zurück?» Ich beuge
mich nieder, um sie zu küssen; ihr Gesicht ist
tränenüberströmt … Dieser Augenblick entschied
über mein Leben.

Reformuliert: Einst hat der reformierte Pfarrer Vautier eine Kreolin aus Übersee nach Frankreich mitgebracht, ein Findelkind, das bei ihm heranwächst. Sie heiratet und hat Kinder, unter ihnen Tochter Alissa. Die Kreolin führt ein leichtsinniges Leben, auch in der Ehe lässt sie von Seitensprüngen nicht ab. Eines Tages predigt Vautier über das Bild von der engen Pforte. Alissa, die inzwischen selbst erwachsen ist, und ihr Freund Jérôme, den sie heiraten möchte, hören die Predigt. Die beiden sind von Vautiers Ermahnung zu einem sündenfreien Leben so beeindruckt, dass sie sich Enthaltsamkeit schwören. Alissa versteht den Schwur auf Lebenszeit und geht an ihrem Puritanismus zugrunde. Jérôme versteht ihn bis zur Heirat, die aber nicht stattfinden kann. Krieg reformuliert Nach Alissas Tod schreibt Jérôme die Ereignisse bis zu ihrem Tod nieder. Der Roman überschaut zehn Jahre. Die zitierte Szene wirft bereits nach einem Zehntel des Romans einen Schatten auf alles, was folgt: auf ein doppelt entschiedenes Leben, denn auch über Jérôme hat Alissa entschieden.

Konkret: Im unteren Stockwerk des Hauses findet das Leben statt, während im oberen, bei Alissa, das Tageslicht verlöscht. Als ob eine ewige Nacht anbräche. Die Geliebte verschmilzt bereits mit der Dämmerung. Sie ist nur noch an ihrer Stimme erkennbar, so, als ob nur noch das Wort etwas gälte. Schon erhebt sie sich nicht mehr, um ihren Freund zu begrüssen, sondern er muss sich zu ihr niederbeugen. Als ob sie eine Heilige wäre. Nur im Moment des Küssens bemerkt er die Nässe ihrer heftig fliessenden Tränen. Alissa ist allein im stillen Kämmerlein, an dem Ort, den die Bergpredigt fürs Gebet empfiehlt. Sie kniet, wie man es damals tat, fürs Nachtgebet am Kopfende ihres Betts. Ob sie mit ihrer Haltung die Seitensprünge ihrer Mutter büssen will? Ob sie vermeiden will, so zu werden wie sie? Ihre Entschiedenheit jedenfalls markiert einen Abschied für immer: vom Lachen im unteren Stockwerk, von der Liebe zu ihrem Freund, vom Leben im Licht des Tages. André Gide selbst, der unsichtbare Autor der Erzählung aber verabschiedet sich hier von einer reformierten Tradition, in der die Freiheit eines Christenmenschen überschattet und verdunkelt wird, bis sie tatsächlich zu verlöschen droht. Sein Roman ist ein reformiertes Mahnmal.

André Gide: Die enge Pforte. Zürich 1995; Seite 27.

Der Theologe und Germanist Matthias Krieg hat bei der Reformierten Kirche Zürich die Stabsstelle Theologie inne. Seine Kolumne Krieg reformuliert handelt von Literatur in reformierter Denktradition.