Christoph Simon

Ein Tag ohne:
Selbstdisziplin

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Dienstag, 01. September 2026

Ausschlafen, nichts erledigen, keinen Sport machen, Schrott essen.

Es wird mir schwerfallen, diese Tagesziele zu erreichen. Schlimmer noch, ich scheitere bereits frühmorgens, als ich aufwache und gewohnheitsmässig aufstehen will. Hey, was soll das, Alter?! Liegen bleiben! Verpenne den Tag, wie du es dir vorgenommen hast! Entspann dich mal!

Also bleibe ich liegen und male mir aus, wie schrecklich dieser Sonntag werden wird.

Keine Mails beantworten, nichts schreiben, kein Projekt vorwärtstreiben dürfen. Entspannt und unaufgeregt zuschauen müssen, wie sich Bürokram aufstaut, wie sich leicht abzuarbeitende Maulwurfshügel zu erdrückenden Bergen auftürmen.

Ich bin ein disziplinierter Mensch. Was ich mir vornehme, setze ich um. Termine halte ich ein. Wie jeder Mensch lasse ich mich ablenken, verzettle mich und schweife ab, aber im Grossen und Ganzen tue ich, was zu tun ist. Unangenehme Aufgaben schiebe ich nicht endlos hinaus. Prokrastinieren macht unglücklich, ich hab’s mir abgewöhnt wie Nikotin und Alkohol.

Aber heute darf ich nichts müssen. Produktivitätsverbot. Als würde ich nicht schon genug Serien auf Piratenseiten im Internet schauen.

Ich liege noch immer im Bett. Eine Idee für einen Text fällt mir ein, aber ich darf sie nicht notieren. Noch viele so gechillte Morgen, und ich bin als Schriftsteller erledigt.

Selbstdisziplin hat wenig mit Willenskraft zu tun. Umso mehr mit Selbsterkenntnis. Wer herausgefunden hat, was ihm oder ihr langfristig wichtig ist, lässt sich kurzfristig weniger aufhalten. Es ist ein Zeichen persönlicher Reife. Nur Kinder und Studierende leben für den Augenblick. Nein sagen zu Versuchungen fällt leichter, wenn ein grosses Ja in einem brennt. Es darf auch mal weh tun.

Nichts erledigen, keinen Sport machen, Schrott essen: Für diese Sonntagsziele brennt kein Ja in mir. Selbstsabotage ist unausweichlich: Mit schlechtem Gewissen beantworte ich eine E-Mail. Mit dem nun betäubten Gewissen ertüchtige ich mich körperlich und rede mir ein, dass ein Sonntagsspaziergang nicht als Sport gilt, obschon Gehen eine olympische Disziplin ist.

Dem Sohn beim Junioren-B-Match zuschauen und mit den anwesenden FC-Länggasse-Eltern auch die Tore der gegnerischen Mannschaft tapfer und fair würdigen – dieses sinnvolle und wertvolle Tun tröstet mich über meine undisziplinierte Disziplinlosigkeit hinweg.

Zum Glück ist bald Montag.

Einzig das Ziel «Schrott essen» habe ich mit Glace und zuckergesüssten Getränken während der sozialen Aktivitäten nicht nur erfüllt, sondern übererfüllt. Ich darf stolz auf mich sein.