«Wie kann ich mich innert kürzester Zeit unglücklich machen?», frage ich die Berner Schuldenberaterin Noémie Zurn-Vulliamoz.
«Lebe über deinen Verhältnissen», rät sie mir. «Spare Zeit mit dem Nichtausfüllen der Steuererklärung. Rechne mit brutto statt mit netto. Schraube deine Bedürfnisse und strukturellen Kosten nicht herunter, wenn du weniger verdienst. Passe im Rentenalter deinen Lebensstandard im Vergleich zum Erwerbsalter nicht an. Gib, was du zur Seite gelegt hast, an Dritte. Unterstütze die erweiterte Familie. Lass dir im Internet Liebe vorgaukeln. Fahre mit einem Statussymbol, das du dir nicht leisten kannst, unter dem Hintern herum. Werde krank. Bekomme Kinder. Trenne dich. Und dann, wenn du dich sanieren willst, probiere es viel zu lange selber.»
Der Verein Berner Schuldenberatung feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Am Jubiläumsfest werde ich den Unterhaltungsblock gestalten. Zur Vorbereitung treffe ich mich mit Noémie Zurn-Vulliamoz. Eine Begegnung, die meinen Blick aufs Thema schärft.
Schulden sind oft nicht selbstverschuldet. Ein kritisches Lebensereignis kann jede und jeden treffen. Und bist du erst mal im Strudel aus Betreibungen und Lohnpfändung drin, kommst du erst recht nicht heraus. Nicht ohne Hilfe jedenfalls.
«Es ist eine Riesenschwelle, die überwunden werden muss, um sich beraten zu lassen», sagt die Schuldenberaterin.
Warum fällt es uns so schwer, Hilfe zu suchen und anzunehmen?
«Ein Mann löst seine Probleme selber», hat der argentinische Fussballspieler Claudio Caniggia einmal gesagt. Eine Aussage, die vollkommen wirklichkeitsfremd ist. Wir sind zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens auf Unterstützung angewiesen. Als Säugling brauchen wir einen Schoppenhalter, als Teenie die sanfte Führung der elterlichen Besserwisserei, als Erwachsene die Investorinnen und Förderer unserer Talente und Ideen, und als Greis in der Seniorenresidenz in Thailand benötigen wir einen fachkundig gepressten Algensmoothie.
Ein Mann löst seine Probleme selber? In Argentinien vielleicht. Andernorts braucht jeder Mensch dann und wann jemanden, der ihm hilft, Körper, Seele, Geist und Bankkonto zusammenzuhalten.
Schulden führen zu Verlust von Kompetenzen und Zuverlässigkeit, weiss Noémie Zurn-Vulliamoz. Zu Schlafstörungen und Ohnmachtsgefühlen. «Du kannst machen, was du willst, du kannst noch so versuchen zu kooperieren, die Lohnabrechnungen, Policen, Belege schicken, dem Betreibungsamt ist es nie korrekt genug.» Es wird abgeschöpft, was abgeschöpft werden kann. Die Gefahr ist gross, aus dem Arbeitsprozess zu fallen und bei der nächsten Adresse zu landen: der Sozialhilfe.
Als junger Mann sagte ich mir: Wenn ich einmal einen Literaturpreis bekomme, dann kaufe ich mir ein Triumph-Motorrad und fahre mit einem weissen Vintage-Helm im Stile von Steve McQueen in «Gesprengte Ketten» die Schweizer Grenze ab. Als ich dann tatsächlich einen Preis gewann, musste ich damit erst Schulden im Privatumfeld tilgen. Eine herbe Ernüchterung. Ein Sieg ohne Triumph.
An der Pin-Wand der Berner Schuldenberatung lese ich Feedbacks:
«Die Schuldensanierung war für mich das Beste, was ich machen konnte. Ein schuldenfreies Leben zu führen ist wahrer Luxus.»
«Seit der Schuldensanierung habe ich keine neuen Schulden mehr gemacht. Alles ist gut, das ist Lebensqualität!»
«Ich konnte heute das erste Mal seit Jahren eine Rechnung der Steuerverwaltung direkt bezahlen. Das war ein tolles Gefühl! Vielen Dank für Ihre Unterstützung.»
Geld schulde ich momentan niemandem, und dafür bin ich den Göttern im Himmel dankbar. Aber es gibt andere Schulden, die ich mit mir herumtrage. Verschiedenen Menschen in meinem beruflichen Umfeld bin ich mehr als ein paar flüchtige Dankesworte schuldig. Den Kindern schulde ich jeden Tag mein Bestes an Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Aufmerksamkeit. Bei der Ex gibt es noch etwas gutzumachen.
Offene Rechnungen gilt es zu begleichen. Und sei es nur, um ruhig zu schlafen.