Roland Diethelm

Ein kirchliches Ja zur Ehe für alle ist ein klares Ja zu einer Kirche für alle, schreibt Roland Diethelm.

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Freitag, 30. August 2019

Eine Begegnung an der senegalesischen Grenze zu Mauretanien. Auf unseren Gesichtern machten sich Verwunderung, Abscheu und Mitleid breit.

Der schüchterne junge Mann hatte soeben erklärt, er sei «esclave», Sklave, von dort drüben. Er deutete Richtung Mauretanien. In seiner Aussage schwang keinerlei Auflehnung mit. Er hatte es im gleichen selbstverständlichen Tonfall gesagt, wie ich mit «Schweizer» antworte, wenn man mich nach meiner Landeszugehörigkeit fragt. Es fehlt ihm das Unrechts­bewusstsein dafür – der junge Mann nimmt sein Schicksal hin. Ein kultureller Graben trennte uns von ihm.

Ähnlich befremdet wären neuzeitliche Christen, wenn sie mit einer Zeitmaschine in die Antike zurückreisten und sich mit Christen jener Zeit über Homosexualität unterhalten würden. In der Welt der Bibel galt sie als widernatürliches Begehren. Zwar war sie in der Antike weit verbreitet und teilweise hoch kultiviert. Die jüdischen und christlichen Urteile ihr gegenüber waren aber eindeutig ablehnend. Ohnehin wurde die gesamte Sexualität in den ersten Jahrhunderten des Christentums negativ taxiert. «Ich sage aber den Unverheirateten und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Denn es ist besser, zu heiraten, als vom Begehren verzehrt zu werden», riet Apostel Paulus den Christen in Korinth. Auf den Punkt brachte es der Kirchenlehrer Augustinus. Ihm war jedes Begehren suspekt, er fürchtete es als Einfallstor von Sünde und Gottesfeindschaft.

Heute halten wir das Gegenteil für wahr: In nichts anderem spürt sich das Individuum authentischer als in seinem Begehren. Sexuelle Appetitlosigkeit führt heute nicht zum Heil, sondern zum Arzt. Diese dem Sex zugewandte Mentalität liegt der Aussage des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes zugrunde, dass auch Homosexualität dem Schöpfungswillen Gottes entspreche. Denn mittler­weile hat sich herumgesprochen, dass Homosexualität keine Wahlmöglichkeit ist. Auch Homosexuelle wünschen sich Partnerschaft und ein Leben in Liebe. Homosexualität ist weder krank noch ansteckend. Krank wird nur, wer gesundgebetet werden und sich enthalten soll – und wer sich verstecken oder einsam bleiben muss. Dass die katholische Kirche hierzu lamentiert, statt zu verurteilen, ist bereits ein Fortschritt.

Lange hatte man wenigstens auf ein klärendes, evangelisches und bischöfliches Wort der Reformierten gewartet. Nun hat der Kirchenbundspräsident seines Amtes als erster Seelsorger gewaltet und sich für die Ehe für alle ausgesprochen. Endlich. Denn als Religions­gemeinschaft machen die Reformierten zurzeit eher dem Lutherwort alle Ehre, dass aus einem verklemmten Arsch kein fröhlicher Furz komme. Wenn die Kirche beim Thema Ehe für alle herumeiert, während die mitteleuropäische Gesellschaft längst einen überwältigenden Konsens gefunden hat, kann das nur etwas bedeuten: Man nimmt Rücksicht auf die Ewiggestrigen. In dieses Separé haben sich ausserhalb Westeuropas viele Kirchen verkrochen.

Mit Wehmut erinnere ich mich an die Jahre vor der letzten Jahrtausendwende. Damals gediehen Selbsthilfe­organisationen der Schwulen und Lesben im Schutz der evangelischen Kirche. Die Frauenverbände der beiden Volkskirchen haben bei der Befreiung der Homosexuellen aus der gesellschaftlichen Schämecke echte Schützenhilfe geleistet. Hat die evangelische Kirche ihre Rolle als emanzipative Vorreiterin aus Angst vor Konflikten an den Nagel gehängt und sich mit der Bereinigung ihrer Strukturen zufrieden­gegeben? Die Frage, wie die Kirche zur Ehe für alle steht, ist keine Glaubensfrage. Aber sie fordert ein klares Bekenntnis zur Aufgabe der Reformierten in dieser Gesellschaft: zu ihrer Mission.

  • N° 15/2019

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