Roland Diethelm

Die täglich aufgehende Sonne und das tägliche Morgenlob sind Geschwister

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Freitag, 14. Februar 2020

Die täglich aufgehende Sonne und das rituelle Morgenlob sind Geschwister: Beide bringen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zum Schmelzen, schreibt Roland Diethelm.

Seht, golden steigt das Licht empor –
da schwindet hin die dunkle Nacht,
die unsern richtungslosen Schritt
hart an des Abgrunds Rand gebracht.

Seht, golden steigt das Licht empor – so hebt eine der Hymnen des täglichen Morgenlobs an. Auf diesen Hymnus freue ich mich besonders, denn er rührt eine tiefe Sehnsucht, ja Gewissheit in mir an. Auf meinem Weg vom Schlafzimmer zum Gebetsraum sehe ich durch die Fenster meines Pfarrhauses das Leuchten des Himmels unmittelbar vor Sonnenaufgang. Es kleidet den leicht verschneiten Weissenstein in ein goldenes Gewand. An die frühmorgendliche blaue Stunde schliesst sich die goldene Stunde an. Sie taucht alles in feuerrotes und goldenes Licht, bevor die Sonne selbst aufsteigt und unbestritten dem Tag seine Richtung gibt.

Des neuen Tages heitres Licht
dringt tief in unsre Seele ein
und macht, von Arglist umgetrübt,
des Herzens Streben klar und rein.

Der Hymnus mit seinen sechs Strophen ist eine moderne Bearbeitung des hundertstrophigen altkirchlichen Morgenhymnus des Spaniers Aurelius Clemens Prudentius. Dieser lebte am Ende des vierten Jahrhunderts, war ein hochgebildeter Mann, von Beruf Anwalt und kurzzeitig engster Berater des römischen Kaisers. Er gilt neben Ambrosius als bedeutendster antiker Dichter der christlichen Kirche.

In seiner ursprünglichen Fassung geht das Lied dem Schicksal des Jüngers Petrus nach, den Jesus als den Felsenmann seiner Kirche bezeichnet hatte und der ihn gleichwohl in der Stunde der Verfolgung verleugnete, dann aber beim Hahnenschrei des frühen Morgens sein Versagen bereute.

Von Aug und Zunge, Mund und Hand
bleib jede böse Regung fern;
so führe uns der neue Tag
aus Finsternis zum Licht des Herrn.

So geht der Hymnus weiter. Ich lasse ihn beim Rezitieren auf mich wirken. Er passt so gut zu den Versuchungen meiner eigenen Gegenwart. Der Hass und die Bosheit, welche uns in den Social Media überschwemmen, wagen sich im Schutz der Anonymität aus dem Dunkel mancher Herzen heraus und treiben ihr Unwesen. Die alten religiösen Bilder sind verblasst und drohen ganz vergessen zu gehen: wie das Licht in die Seele dringt und das Streben des Herzens klar und rein macht. Auch als Pfarrer gerate ich immer wieder in die Versuchung, die heilsamen Bilder als wirkungslos abzutun. Heilung kommt aber nur durch das Vermögen, das Lied der Freiheit anzustimmen – so wie damals die Israeliten an den Fleischtöpfen Ägyptens. Ob wir es nochmals wagen, mitsingen und uns von den heilsamen Bildern berühren und ihre Kraft an uns wirken lassen? Das ist doch mein Anteil am priesterlichen Dienst meiner Glaubens­gemeinschaft.

Ein Auge schaut auf uns herab,
das über unsrem Leben wacht:
es sieht voll Güte unser Tun
vom frühen Morgen bis zur Nacht.

Und jener letzte Morgen einst,
den wir erflehn voll Zuversicht,
er finde wachend uns beim Lob
und überschütte uns mit Licht.

Liturgie hat etwas Bleibendes. Sie verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit und der Zukunft. Ein Auge wacht über uns. Im morgendlichen Hymnus beobachte ich auch mich selbst und meine Gedanken. Heute steht eine Beerdigungsfeier an. Im letzten Moment haben die Angehörigen mich informiert, so dass ich kaum etwas über den verstorbenen Menschen oder die Trauernden weiss. Es bleibt mir das Vertrauen, dass heute in der Feier doch ein Licht in ihren Herzen aufleuchtet.

  • N° 3/2020

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