Kübra Gümüşay

Die Furcht aller Menschen

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Freitag, 21. Dezember 2018

Seit ein paar Monaten ist mein Sohn alt genug, um Freunde zu sich nach Hause einzuladen. Am liebsten trifft er sich mit N. Der ist fast drei Jahre älter und ein grosses Vorbild für meinen Sohn. Mit ihm kann er sich raufen, lesen, malen, singen, tanzen und lachen.

Kürzlich, als N.s Mutter ihn abholen kam, schien sie nicht – wie sonst – in Eile zu sein. Ich bat sie herein. Wir sassen zusammen, assen und redeten zum ersten Mal länger miteinander. Sie kommt aus Südafrika. Vor elf Jahren wurde sie dort als Sängerin von einer deutschen Produktionsfirma entdeckt. Seither arbeitet sie als Sängerin in Hamburg für ein weltberühmtes Musical. Als ich ihr sagte, ich selber sei hier in Hamburg geboren und aufgewachsen, blickte sie mich überrascht an. «Really?» fragte sie mehrmals. Ich dachte, ihre Überraschung habe damit zu tun, dass ich türkischer Herkunft bin. Doch ich irrte mich.

Beim Abschied bedankte sie sich bei mir. Es sei das erste Mal, das sie einen Menschen wie mich in ihrem Leben habe, erzählte sie. Ich lächelte lediglich, weil ich dachte, sie wolle darauf hindeuten, dass ich Muslimin bin. Aber auch hier irrte ich mich.

Denn bevor sie mich umarmte, sagte sie, ich sei der erste Mensch aus Hamburg, die erste Hamburgerin, die sie nach Hause eingeladen habe. In elf Jahren. Es sei das erste Mal, dass sie das Zuhause einer Hamburgerin betreten habe, dort gesessen, gegessen und sich auf Augenhöhe unterhalten habe.

Schockiert, beschämt und überfordert mit dieser Information liess sie mich zurück. Am Abend schrieb ich darüber auf einer sozialen Plattform. Und mich erreichten Dutzende Nachrichten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Junge und ältere Menschen, die ähnliches berichteten. Allen fehlte der Kontakt zu Nachbarn, anderen Müttern oder Bekannten. Sie fühlten sich einsam.

Das erinnerte mich an eine Gesprächsrunde mit erfolgreichen Frauen aus Wirtschaft, Kultur und Politik. Wir sassen spätabends in einem Museum und sprachen über das Älterwerden. «Was für ein Leben erhofft ihr euch im Alter?» fragte die Museumsführerin in die Runde. Alle Antworten waren in einem Aspekt exakt gleich: Wir alle wünschten uns Geselligkeit. Und obwohl es niemand aussprach, war in dem Moment klar: Wir alle fürchteten uns vor der Einsamkeit.

Damals dachte ich, das läge an den Geschichten, die wir über vereinsamte Menschen im hohen Alter lesen, von solchen, deren Wohnungstüren sich erst öffnen, wenn es zu spät ist und der Geruch ihrer verwesenden Körper durch die Türspalten hinausdrängt.

Aber nein. Wir fürchten die Einsamkeit nicht erst im Alter. Wir fürchten die Einsamkeit schon jetzt. Ob mit Anfang zwanzig, Mitte dreissig oder Ende vierzig. Wir fürchten die Einsamkeit, weil wir alle sie schon lange vorher im Leben schmecken. Immer dann, wenn wir die Hände vom Hörer, den Finger von der Klingel ziehen. Immer dann, wenn wir keine Zeit haben, unsere Nachbarin und den Kollegen kennenzulernen. Immer dann, wenn wir den Blick von einem Menschen abwenden, weil wir diesen Satz denken: Ach. Ich möchte dir mit meinem Leid keine Last sein, ich möchte dir nicht zu nahe treten. Dann lächeln wir. Und sagen stattdessen: «Mir geht es gut. Und dir?» Das ist sie. Die erste Mauer der Einsamkeit, die wir langsam um uns herum bauen.

Meine Begegnung mit N.s Mutter hat mich an alte Vorsätze erinnert. Ich nehme mir vor, wieder alte Bekannte und Nachbarinnen einzuladen. Einfach so. Um sie zu fragen, wie es ihnen geht. Also ehrlich geht. Wenn Sie einem Menschen in die Augen – das Tor zur Seele – blicken und fragen, wie es ihm geht, so weiss er, dass ein «Gut» nicht ausreichen wird. Eine ehrliche Frage und eine ehrliche Antwort sind ein erster kleiner Schritt weg von der Einsamkeit in den Menschenmassen.