Kübra Gümüşay

Das Schweigen der Politik

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Freitag, 12. Juli 2019

Wir leben in merkwürdigen Zeiten. Als Mensch, der leidet, darfst du dein Leid nicht zu oft zeigen. Du musst es schlucken, verstecken, verbergen, damit deine Mitmenschen dich ertragen oder überhaupt: den Menschen in dir sehen können.

Armut, existenzielle Ängste, grosse Sorgen oder lähmende Schmerzen sind unwillkommene Themen für jene, die leichtfüssig und problemlos durchs Leben gehen. Eine Last. Denn es zwingt die Sorgenfreien dadurch vielleicht, die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten als der eigenen, und eventuell sogar, den eigenen Genuss infrage zu stellen.

So lernen manche Menschen die Schwere in ihrem Leben zu kaschieren und Leichtigkeit vorzutäuschen. So wie der ältere Herr, ein Nachbar, der gelernt hat, nicht zu oft zu sprechen, nicht zu oft um Hilfe zu bitten, nicht zu oft zu fragen, nicht zu oft im Leben der anderen zu stören. Es schmerzt mich, zu sehen, wie er seine inneren Impulse, sein Mitteilungsbedürfnis unterdrückt, um dafür im Gegenzug Duldung im Zirkel der Jungen und Erfolgreichen zu erhalten.

Ähnlich verhält es sich in unserer Gesellschaft mit rassistischen Erfahrungen. Wer täglich angepöbelt, angerempelt, beschimpft oder hasserfüllt angestarrt wird, dem wird irgendwann beigebracht, sich nicht zu häufig darüber zu beschweren bei den Kolleginnen auf der Arbeit, den Kommilitonen an der Universität oder den Freundinnen im Sportstudio, denen dies nicht passiert. Er oder sie lernt, nicht zu häufig die Illusion der heilen Welt der anderen zerplatzen lassen. Die Demütigungen sind zu verbergen.

Auch ich will damit nicht nerven. Aber es ist halt so. Rassismus gehört zu meinem Alltag. Seitdem ich Mutter bin, sind die Übergriffe sogar mehrfach physisch und gewalttätig gewesen. Daran musste ich denken, als kürzlich eine schwangere Berlinerin in der Öffentlichkeit in den Bauch geschlagen worden ist, weil sie ein Kopftuch trägt. Oder als unlängst eine Wienerin aufgrund ihrer Kopfbedeckung in der Strassenbahn beschimpft und bespuckt wurde. Oder nach dem furchtbaren Terrorattentat in Neuseeland. Doch über meine eigenen Erfahrungen werde ich hier nichts schreiben.

«Euer Opfergehabe nervt!» kommt sonst höhnisch und augenrollend als Reaktion zurück. Meistens von jenen, die mit der Angst ihr Geld verdienen. Und den Mitfühlenden wird vorgeworfen, sie seien Gutmenschen. Denn wer sein Herz nicht beherrschen kann, so scheint es, ist nicht gemacht für «Realpolitik». Stattdessen reden nun linksliberale Journalisten mit Rechten, um ihr Denken zu «verstehen», um «realpolitisch» zu sein. Sie streiten, lachen und trinken Rum zusammen – mit diesen Worten beschrieb ein Journalist für die Süddeutsche Zeitung kürzlich seine Recherchezeit mit einem Rechtsradikalen. Das kann er. Denn es ist nicht seine Existenz, die von Rechtsradikalen abgesprochen wird, nicht sein Leben, das bedroht wird. Es ist die Existenz, das Leben der anderen.

Inzwischen erzähle ich nicht mehr von meinen Erfahrungen. Weil sich schon so viele nackt in die Mitte gestellt, ihre Wunden gezeigt haben und dafür verhöhnt wurden. Es braucht keine neuen Geschichten von brennenden Häusern oder unbehelligt mordenden Banden. Keine neuen Toten. Es ist mehr als genug da und öffentlich. Der Hass ist da. In unserer Mitte. Und das Schweigen und die Leere, die die Abwesenheit des Mitgefühls erzeugt, auch sie sind da – und öffentlich.

  • N° 7/2019

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