Proust

Christoph Geiser, 68, Schriftsteller

Christoph Geiser veröffentlicht seit 1968 Gedichte, Erzählungen und Romane, unter anderem die Familienromane «Grünsee» und «Brachland», die Künstlerromane «Das geheime Fieber» und «Das Gefängnis der Wünsche». Zuletzt erschienen 2013 im Offizin-Verlag «Schöne Bescherung. Kein Familienroman» und 2016 im Spiegelberg-Verlag «Da bewegt sich nichts mehr. Mordsachen».
Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Freitag, 03. März 2017

Was wäre für Sie das grösste Unglück?

Flüchten zu müssen.

Wo möchten Sie leben?

Bleiben können, wo ich bin – in Bern und Berlin.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?

Beim Schreiben mir selber über die Schulter schauen zu dürfen, kichernd, verzückt, als führte mir ein Engel die Hand.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Die Fehler der andern.

Ihre liebsten Romanhelden?

Holden Caulfield, der Fänger im Roggen. Herr Geiser im Holozän. Leopold Bloom.

Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit?

Auch Heldinnen gibt’s für mich nur im Roman; Madame Bovary zum Beispiel. Oder Juliette (nicht Justine!).

Ihr Lieblingsmaler?

Im Barock: Caravaggio; im 19. Jahrhundert: Adolph Menzel; im 20. Jahrhundert: Francis Bacon.

Ihr Lieblingskomponist?

Beethoven, der rhetorischen Gesten seiner Kammermusik wegen.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Die erotische Ausstrahlung. Katalog der Eigenschaften im einzelnen auf Nachfrage erhältlich.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Die Eigenschaften der Löwin. (Siehe auch oben und unten, unter dem Begriff «Heldinnen».)

Ihre Lieblingstugend?

Verlässlichkeit.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Sätze ausbauen; Wörter sezieren; mit Satzzeichen spielen.

Wer oder was hätten Sie sein mögen?

Ich selber. Niemand anders. In jedem Augenblick ganz und gar, ohne Zweifel und Zögern.

Ihr Hauptcharakterzug?

Ambivalenz.

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Die Fähigkeit, ein einmal begonnenes Gespräch über Jahre immer wieder aufzunehmen und weiterzuführen, selbst nach langen Unterbrüchen.

Ihr grösster Fehler?

Zögerlichkeit.

Ihr Traum vom Glück?

Dass der Augenblick des Glücks – siehe oben – unendlich oft wiederholbar wäre.

Was möchten Sie sein?

Angstfrei. Sorglos. Ein bisschen fahrlässig. Gelassen zumindest. Stoisch am Ende.

Ihre Lieblingsfarbe?

Ocker, orange, beige – in Mischungen von unterschiedlicher Dominanz und Intensität.

Ihre Lieblingsblume?

Ach – die Rose! Die purpurne besonders. Schön noch im Welken.

Ihr Lieblingsvogel?

Kookaburra, der Lachende Hans.

Die wichtigste Erfindung der letzten hundert Jahre?

Der Teilchenbeschleuniger.

Ihr Lieblingsschriftsteller?

Bertolt Brecht.

Ihre Helden in der Wirklichkeit?

Unglücklich das Land, das Helden nötig hat…

Ihre Heldinnen in der Geschichte?

Medea. Antigone. Elektra. Mutter Courage. Frau Carrar. Nicht die heilige Johanna! Aber das sind ja alles Bühnenfiguren!

Ihre liebste Filmfigur?

Filmhelden sind mir zu aufdringlich.

Ihre Lieblingsnamen?

Simon. Tobias. Esther. Rahel! Abdelkader. Abdelaziz. Steinun. Emmanuel! Tiberio! Andrea! Samuel, Stephan, Salome, Judith… Ariel… Raphael… Muriel…

Was verabscheuen Sie am meisten?

Die Spiele der Macht und die Winkelzüge der Ohnmacht.

Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten?

Goebbels – und alle Demagogen mit ihm.

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?

Militärische Leistungen kann ich nicht bewundern; sie sind, unter Umständen, ein Akt unvermeidbarer Notwehr.

Glauben Sie, Gott ist eine Erfindung des Menschen?

Gott ist eine Hilfskonstruktion; wie der Punkt, in dem die Geraden sich schneiden.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?

Zeichnen können! Ich habe nicht das geringste Talent dazu.

Wie möchten Sie sterben?

Sachte verlöschen; bei vollem Bewusstsein bis zuletzt; im Gespräch – so lange wie möglich – mit einem verständigen Fremden.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Ambivalent.

Ihr Motto?

«Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer.» Franz Kafka, Ein Landarzt.

Der französische Schriftsteller Marcel Proust (1871—1922) antwortete in der Zeit der Pariser Salons gleich zweimal auf diese Fragen — einmal als 14jähriger, dann noch einmal mit 20. Der Fragebogen gilt als Herausforderung an Geist und Witz und stellt bis heute die grossen Fragen des Lebens.