
Jedes Land hat seine Schlachten. Doch während gar nicht so weit von hier echte Bomben vom Himmel fallen, tragen wir unsere nur bei schönem Wetter aus, nämlich in der Badi. Sie wissen, wovon ich rede: Anfang Juli erklärte die jurassische Kleingemeinde Pruntrut, ihr Freibad nur für Besucher, die in der Schweiz ansässig sind, zu öffnen, da sich die ausländischen Gäste schlecht benommen hatten.
Es war genau die Art von Nachricht, auf die das Land, zermürbt von trockenen Debatten um Eigenmietwert und Individualbesteuerung, nur gewartet hatte. Endlich ging es mal wieder um etwas. Endlich ging es mal wieder um uns. Die Linken sahen ihre Lieblingsthese bestätigt, dass wir ein Volk von Rassisten sind, die ihre Badi-Pommes mit niemandem teilen wollen. Für die Rechten wiederum war Pruntrut die Erfüllung ihrer feuchten Träume: ein Ort, an dem wir den ganzen Tag in Badehose herumlaufen können, ohne dass sich jemand über uns lustig macht.
Und auch die Medien liefen zur Hochform auf. «Pruntrut ist überall», dröhnte ein Journalist der «NZZ» und kannte auch gleich das Täterprofil: «Mann, jung, meistens arabischer Hintergrund». Mutig marschierte er ins Basler Freibad, wo er zu seinem Erstaunen statt der erwarteten Gewaltorgie nur friedlich planschenden Kindern und auf Liegestühlen dösenden Senioren begegnete. Doch der Mann liess sich nicht beirren: «Die Idylle ist nur noch selten erlebbar.»
Noch bunter trieb es natürlich der Boulevard. Nachdem der «Blick» bereits gefühlte Monate über das Thema berichtet hatte, setzte sich der Chefredaktor höchstpersönlich an den Rechner, um einen staatstragenden Leitartikel zu verfassen, dessen Vorbild vermutlich die Bergpredigt war.
Vom Dichtestress ist die Rede und dass sich dieser nicht zufällig in der Badi entlade. Denn: «Die Badi ist vielleicht der letzte Ort, an dem die Schweiz noch so wirkt, wie sie sich selbst gern sieht: Sonnencreme, Pommes frites, Geplansche – überschaubar, gemütlich, mit klaren Regeln. Hier kennt man sich. Hier scheint die Welt noch in Ordnung. Und genau dieses letzte Revier wird jetzt verteidigt.» Die Badi, so hält er fest, sei das letzte Idyll der Schweiz.
Die Synekdoche – also die Erklärung des Ganzen durch den Teil – ist ein wunderbares Stilmittel. Auch ich benutze sie in diesen Kolumnen sehr gerne. Denn sie stimmt einfach immer. Irgendwie ist ja alles ein Teil von allem. Das darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Synekdoche in den allermeisten Fällen ein kompletter Schwachsinn ist.
Die Schweiz ist keine Badi und vor allem ist die Badi nicht idyllisch! Wer so wie ich schon einmal ein Freibad aufgesucht hat, weiss, wovon ich spreche. Kein Mensch würde freiwillig seine Zeit dort verbringen, und dass wir es doch tun, liegt einzig und allein an diesen verflixten 35 Grad im Schatten!
Ich meine, was sollen wir denn sonst tun? Verbrennen? So fügen wir uns dem Schicksal und nehmen Teil an diesem entwürdigenden Slapstick, der damit beginnt, dass wir unser bleiches Fleisch in eine Badehose zwängen, die den Winter noch schlechter überstanden hat als wir. Dann aufs Tüchli. Natürlich an der prallen Sonne. Jede Position ist die falsche. Man kann nicht lesen. Man kann nicht sitzen. Man kann nicht liegen. Also ab ins Wasser. Dort wird man sofort von einem Beckenungeheuer in Delfin-Schwumm erlegt und treibt melancholisch zum Grund. Nach der Wiederbelebung beschliesst man, frische Kräfte bei einem Coq au Vin mit Austernsauce und Trüffelravioli (98 Franken, ohne Weinbegleitung) zu tanken. Kaum hat man das Gourmet-Menü an seinen Platz balanciert, wird die ganze Herrlichkeit von einem Frisbee spielenden Halbstarken umgenietet.
Natürlich muss sexuelle Belästigung geahndet werden. Gut möglich, dass die Leute von Pruntrut richtig gehandelt haben. Möglich auch, dass ihre Unterstützer recht haben und wir am besten dran sind, wenn wir einfach unter unseresgleichen bleiben. Stellt sich nur die Frage, wer unseresgleichen eigentlich ist. Ich weiss nur eines: Die Lächerlichkeit folgt uns auf dem Fuss und in der Badehose sind wir alle gleich.