
Es ist ein feines, leises Gedicht, das die Schweizer Lyrikerin Sarah Vogler (*1979) zum Titelstück ihres Debütbandes erhoben hat. «Auslüften» hält einen Moment fest, den man leicht als alltägliche Szene übersehen könnte: Koffer packen, einen letzten Blick in die Wohnung werfen, und weg ist man.
Doch von der Dichterin wird dieser Moment in wenigen Worten höchst plastisch beschrieben. Jede Zeile trägt dazu bei, eine Atmosphäre zu schaffen und ein komplexes Gefühl zu skizzieren, das in einer raffinierten Schwebe zwischen Nachdenklichkeit, Enttäuschung und Freiheitsdrang hängt.
Der Schauplatz der Abreiseszene gerät anhand von zwei Details in den Blick. Zuerst die Rotweinzwetschen im Gefrierfach, mit dem treffenden, aber morbiden Vergleich «wie tote Wale». Die machen nicht gerade Appetit, sondern signalisieren uns: Hier ist nicht mehr alles so lebendig.
Zweitens sind die goldenen Staubsprenkel im Lichtkegel zwar ein schönes Schauspiel. Doch zu sehen, wie sich der Staub setzt, heisst auch, vor Augen zu haben, dass die Zeit verstreicht und alles vergeht.
Wo der Staub ansetzt, da wird wohl nicht genügend gewedelt und gewirbelt. Und so kommt ein Kontrast in die verstaubte Bude, wenn in der Mitte des Gedichts ein wilder Wind zu blasen beginnt. Es ist nicht der berühmte wilde Westwind des britischen Romantikers Percy Shelley, der alles neu macht, sondern die Stimme der Sängerin Cat Power mit dem Song «Wild is the wind».
Das Stück von 1957 wurde vielfach gecovert, mit herzzerreissender Leidenschaft etwa von Nina Simone. Cat Powers Version aus dem Jahr 2000 ist dagegen ruhig und elegisch. «Meine Liebe ist wie der Wind», heisst es in dem Lied, «und wild ist der Wind.» Die Liebenden sind «Windwesen». «Halt dich an mir fest», heisst es im Lied – lass uns gemeinsam fliegen.
Andernfalls muss die Liebende halt alleine davonfliegen. Dies sagt der Songtext zwar nicht, aber er transportiert es durch seine traurige Gestimmtheit. Wild zu sein heisst, stark und autonom zu sein.
Auch das Wilde kann zugleich zart und verletzlich sein. Bleibt die Konsequenz des Weggehens im Song implizit, so macht sie Sarah Voglers Gedicht explizit: «Hier währt alles fort / nur ich muss gehen».
Im Gedicht wiederum tritt zwar kein Liebhaber in Erscheinung. Für die Liebe und Intimität steht stattdessen ein warmer Lakenhügel. Die Liebe wird nicht genannt, auch nicht in der Schlusszeile, die den Anfang des Songs zitiert, der vollständig lautet: «Love me, love me, love me, love me, say you do!»
Statt einer Überfülle von «Love me»-Rufen fehlt hier die Liebe sozusagen lautstark. Am Schluss steht nur die dünne Bitte, «sag es mir», vielleicht in der enttäuschenden Gewissheit, dass keine Liebe da ist, welche die Sprecherin zurückhalten wird. Das Geschöpf des Windes muss weiterwehen.
Indessen… ist die Aufforderung vielleicht auch als die letzte Chance zu verstehen, die Liebe doch noch versichert zu bekommen und zusammen zu fliegen – also die Laken warm zu halten, gemeinsam mal wieder abzustauben und danach endlich die Rotweinzwetschen aus dem Gefrierfach zu verdrücken.
Sarah Vogler, «Auslüften_Aérer», Traduit de l’allemand par Francesco Micieli, Éditions À côté de cela, 2025, 98 Seiten.