Die Welt im Gedicht

Verschämt in die Köpfe genagelt

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Dienstag, 27. Oktober 2026

Porträtbilder aus Zeiten, in denen die Menschen nur selten und in grösster Steifheit fotografiert wurden, bieten dem heutigen Betrachter tiefe Einblicke und geben zugleich Rätsel auf. Lässt sich vom inszenierten Bild auf das Leben, lässt sich von der festgehaltenen Pose aufs tatsächliche Empfinden schliessen?

Ernst Halters Gedicht «Hochzeitsbild» widmet sich der Betrachtung eines Paarporträts, das während Jahrzehnten über dem Doppelbett der Dargestellten hing. Vermutlich. Denn auch das Textsubjekt scheint nur Mutmassungen anstellen zu können. So kennt es etwa die Namen der «schüchternen zwei» nicht.

Viele Fragen werden in der Bildbetrachtung aufgeworfen: Zum sprichwörtlich und angeblich schönsten Tag im Leben dieser zwei, zu ihrer Liebe und zur Familie, deren Gründung mit dem Bild repräsentiert wird. Was sich beobachten lässt, ist Verkrampfung, Schüchternheit, Unwissenheit in erotischen Dingen, und – das zentrale Stichwort fällt im letzten Abschnitt – die Scham.

In seiner Schamhaftigkeit, in der Hilflosigkeit zwischen strengen Sitten und zarten Regungen, im Zurückweichen vor der Berührung, ist das junge Paar festgehalten worden. Genauso schaut es seit Jahrzehnten von der Wand herunter, und genauso schaut es auch herunter, während die gealterten Abgebildeten im Bett darunter ihr Leben aushauchen.

Ob aus den verklemmten jungen Menschen später befreite Persönlichkeiten wurden, geht aus dem Text nicht hervor. Es wird allerdings eher angedeutet, dass die Prüdheit und Strenge des Paars aus dem Bild auch ins Leben und Nachleben ausstrahlte.

So könnte die Passage zu deuten sein, die am Ende des ersten Abschnitts für einen brutalen Höhepunkt sorgt: «Das Glasauge des Kastens nagelt sie / durch die Köpfe wie / Gottvater.» Ein Satz, der wie ein schmerzhafter Fremdkörper in der sonst so behutsamenen Bildauslegung sitzt.

Aus ihrer Vitrine heraus wurden die beiden Figuren über die Jahrzehnte in die Köpfe der Betrachtenden genagelt. Die entsetzliche Metapher, die noch dazu einen Vergleich mit einem religiösen Symbol anstellt, lässt das Gewalttätige, Autoritäre und Unausweichliche mitschwingen, das Familiengeschichten in früheren Zeiten oft prägte.

Es ist dieser grosse Kontrast zwischen dem gewaltvollen Motiv und den behutsamen Fragen nach den Empfindungen dieser Menschen, der Ernst Halters Gedicht zu einem Text macht, bei dem man lange verweilen kann, gerade auch, weil viele sich aufdrängende Fragen im Dunkeln bleiben.

Der Text lohnt die langsame Lektüre auch in seiner Balance zwischen kunstvoller Gestaltung der Klänge und Rhythmen auf der einen, und freien, im Gesprächston gehaltenen Versen auf der anderen Seite. So beginnt das Gedicht regelmässig mit vier Zeilen zu vier Hebungen, zusammengehalten durch den Anklang von «steif» und «Schweiß». Es fährt fort mit der nachdenklichen Frage «Wie rührt man einander an?», und zimmert dann mit der gegenläufigen Folge der Stabreime von Glasauge/Kasten und Köpfe/Gottvater gleichsam ein Kreuz in die Köpfe der Lesenden.

Aufgehoben zwischen den finsteren und resignierten Tönen dieser poetischen Bildbetrachtung ist, verpackt in zagen Fragen, eine Geste der Hoffnung, die über den Horizont des Wissbaren hinausweist. Liebten sie sich? Trugen sie Kinder zum ewigen Licht?

Zum Weiterlesen:

Ernst Halter, «Requiem. Gedichte», edition pudelundpinscher, 2026, 144 Seiten.