Im ersten Raum des Museums steht die Skulptur einer sitzenden Frau, angeschrieben mit «Signora seduta». Eine weitere Signora seduta in Ballkleidern ist angeschrieben mit «Adelaide Aurnheimer dopo il ballo 1897». Im nächsten Raum sitze ich lange vor einer Signora in piedi. Vor die Donna sdraiata wage ich mich weder lasziv noch überhaupt hinzulegen, und vor der Signora con cappello kann ich meinen Hut nicht ziehen, weil ich im Gegensatz zu ihr keinen trage.
In jedem Raum steht unter dem Schild «Estintore» ein Feuerlöscher. In der Area Relax sammle ich erste, nicht zielführende Gedanken.
Die Erfahrung eines «Tages ohne Schweiz» glaubte ich schreiben zu wollen, merke aber, dass ich lieber in der Gipsoteca den Bart von Leo Tolstoi berühren würde. Toccare la barba di Leo Tolstoi.
Ich glaubte, die italienische Umgebung genau wahrnehmen und mein Fremdeln in einem anderen Land erkunden zu wollen. Fremder Ort, fremde Sprache, fremdes Geld – so viel Exotik müsste das Gedankenkarussell doch in Schwung versetzen!
Lass deine Voreingenommenheit verstummen! Lass nicht locker, bis du es verstehst: Wieso ist die Angestellte nett zum Touristen im Museumsshop, auch wenn sein Verhalten es nicht verdient?
Durchdenke die Sache mit der gewollten Entwurzelung in den Herbstferien: Wenn man mit den Minimalzielen durchatmen, ausspannen, mal-was-anderes-sehen und gut-essen verreist, um später erholt und unverändert in die Geborgenheit des Bekannten und der Pflichten zurückzukehren.
Andere mag die Fremde beflügeln, mich hemmt sie. An welche Landschaft im Raum «Lombard Naturalism» werde ich mich in zwei Jahren noch erinnern? Ans Tryptichon eines Wintermorgens im Engadin.
Ein Tag ohne Schweiz ist im Museo del Paesaggio in Verbania nur schwer zu bewerkstelligen. Das Engadin-Tryptichon von Cesare Maggi, die Segantini-Büste von Paolo Troubetzkoy und das Fletschhorn von Eugenio Gignous müssten unter den Teppich gekehrt werden. Was die Museumsaufsicht, die mich begleitet (diskret zwei Schritte hinter mir), kaum mit Nettigkeit belohnen würde.
Im Raum «Studiolo» zeigt ein Film von 1927 den Dramatiker George Bernard Shaw wie er dem Bildhauer Paolo Troubetzkoy am Lago Maggiore Modell steht. Statt ruhig zu sitzen – Signore in seduto – wendet sich Shaw aber dauernd irgendwelchen Gästen auf der Terrasse zu, plaudert, lacht, steht auf, schleicht sich fort. Der Bildhauer muss sein Modell einfangen und es zurück in den Sessel drücken. Es scheint ein aussichtsloses Unterfangen, Shaw still halten zu wollen.
Ebenso aussichtslos scheint es mir, heute einen «Tag ohne Schweiz» festzuhalten. Mir fehlt die Lust. Keine Lust auf Selbstverpflichtung. Keine Lust, einen Plan auszuführen.
Auf dem Markt finde ich Cappelli in allen Farben und Formen. Ich habe aber auch keine Lust, einen Hut zu kaufen. Wann, wenn nicht in den Ferien, erlaubt sich ein Schweizer denn schon mal, sich seiner Lustlosigkeit voll zu ergeben?